Schloss Hluboká an der Moldau

Hluboká wäre nicht Hluboká gewesen, wenn ich mich nicht entschlossen hätte, von Budweis aus mit dem Fahrrad hinzufahren.

Hluboká, oder Frauenberg, ist ein kleines Städtchen an der Moldau, rund 10 km stromabwärts. Die Landkarte, die sich im touristischen Prospekt befindet, zeugt von einer erstaunlich sportlichen Bevölkerung: ein riesiger Golfplatz wird gesäumt von einem Adrenalinpark, Beach Volleyball, einem Freiluft-Fitnessbereich, einem Pferdehof, Yachting, einem Schwimmbad, woanders noch einem Aquapark, dann gibt es Tennisplätze, Fußball- und Baseballfelder und ein Winterstadion. In diese beeindruckende Stadt kann man sich natürlich nicht im Taxi anfahren lassen.

Hluboká nad Vltavou, also an der Moldau, oder auf Tschechisch wörtlich: über der Moldau, ist aber eigentlich nicht für seine Freizeitanlagen bekannt, sondern für ein Schloss, dessen Bild wohl schon jeder einmal gesehen hat, der einmal einen Tschechien-Prospekt in die Hand genommen hat. Das Gebäude, das auf einer Anhöhe weiß über Wipfeln und Wassern thront, ist nämlich im englischen Tudorstil errichtet, was in Böhmen eher die Seltenheit ist.

Seine Existenz hat dieses seltene Schmuckstück dem Fürsten Johann Adolf II. zu Schwarzenberg zu verdanken, der sich auf einem Besuch in England hatte inspirieren lassen, während er sich eigentlich in Diplomatie schulen und mit technischen Innovationen versorgen wollte.

Wenn ich schon an einem Fluss einmal hin und wieder zurück fahre, dann bietet sich natürlich das Fahrrad an – zumal in Tschechien, das außerhalb der Städte über sehr gut ausgebaute Fernwanderwege verfügt. Bei Fahrradwegen gilt oft das selbe wie beim Internet: Wer später kommt hat die modernere Technologie, oder eben die neueren Wege.

Zuerst frage ich bei einem Fahrradverleih an, der 300 Kronen pro Tag will und dabei ganze Kalendertage abrechnet. Das sind etwa 12 Euro, also nicht viel, aber doch einiges, je nach Budget. Dann fällt mir ein, dass ich schon immer mal die Leihräder der Tschechischen Bahn ausprobieren wollte. Mit der Inkarta bekommt man eine Ermäßigung und zahlt nur 180 Kronen pro Tag, oder 150 für 5 Stunden.1 Zudem kann man die Räder an der einen Station ausleihen und woanders zurück geben.

Ich rechne mit etwa 5 Stunden Leihzeit. Die 13 Kilometer bis zum Schloss würde ich auch auf einem Opa-Rad schaffen, denke ich mir, und oft haben sie ja doch eine Nabenschaltung. An Gepäck habe ich nur einen kleinen Rucksack dabei, der allerdings prallvoll gefüllt ist. Also reserviere ich mir ein Herrenrad für Sonntag, 10 Uhr.

Höhenprofil der Radstrecke von Budweis nach Hluboka

Der Blick auf die Route mit dem Höhenprofil gibt mir allerdings zu denken: Je nachdem ob ich als Ziel nur den Ort Hluboká oder das Schloss Hluboká angebe, sieht das letzte Endstück völlig anders aus. Fast die ganze Strecke geht es bergab, mit einem Höhenunterschied von 16 Metern – was nicht überrascht, da ich ja dem Fluss folgen will. Dann, auf den letzten 500 Metern vom Ort zum Schloss, befindet sich ein Anstieg von über 50 Metern, was etwa einem 20-geschössigen Haus entspricht. Gut, denke ich, hier kann ich ja schieben.

Per Bahn auf zwei Rädern

Am Sonntagmorgen dann erscheine ich am Schalter, wo die Angestellte ein paar Papiere fertig macht, von der Sorte, wie man sie entweder seinem Anwalt zur Durchsicht übergibt oder ungelesen unterzeichnet. Für die Gebühr und die 1000 Kronen Kaution muss ich noch einmal zum Geldautomaten laufen, weil die nur in bar beglichen werden können. Dann öffnet sich die Tür, und wie zu Weihnachten das Christkind kommt nun die Angestellte mit einem Fahrrad heraus, das mein Bild von der Tschechischen Bahn nachhaltig beeinflussen wird: Drei Gänge vorne, sieben hinten, gedämpfte Gabel, alles bestens ins Schuss, die Bremsen reagieren ideal und beim Anfahren habe ich das Gefühl, das mir das Rad unter dem Hintern davonrast. Luftpumpe, Beleuchtung, Reparaturset – alles ist dran.

Fahrrad von ČD Bike

Zunächst geht es ein Stück durch die Stadt, was aber am Sonntagvormittag auch kein Problem ist. Dann, am Fluss angekommen, bin ich mit anderen Radfahrern und Skatern alleine. Ein leichtgängiges Fahrrad macht wirklich einen gewaltige Unterschied. Ich mag seltsam aussehen, mit dem überfüllten Rucksack und in Jeans und Hemd zwischen den Radlern im professionellen windschnittigen Trikot. Aber, was die können, kann ich auch – mit dem richtigen Rad.

Der Weg ist breit und so gut ausgebaut, dass man sich während der Fahrt die Landschaft ansehen kann. Der Streckenverlauf ist auch dank der Beschilderung leicht zu finden. Es geht durch ein Dorf mit Gestüten und ein waldiges Gebiet an Teichen entlang, und dann ist auch schon das Schloss zu sehen und ich fahre an den Sportanlagen vorbei in den Ort hinein.

Schließlich folgt die befürchtete Steigung am Schluss, die ich dank der Gangschaltung gerade noch schaffe. Allerdings ist dieses letzte Stück dann doch recht deutlich in den Beinen zu spüren. Zum Abkühlen gehe ich zunächst eine Runde um das Gebäude.

Die Kassiererin empfiehlt mir die Führung durch die Gastgemächer, die in zwanzig Minuten beginnen soll. Die Ruhepause bis dahin ist mir sehr willkommen.

Führung in familiärer Atmosphäre

Zunächst einmal muss ich ein Video loswerden: Diese „Schuhverpackmaschine“ hatte es mir angetan. Es ist einfach zu faszinierend, was sich die Leute alles so ausdenken.

Mit dem Stück Plastik, das nun auf der Sohle klebt, dürfen wir sogar die Teppiche betreten. Das ist eine der Bedingungen, die dieser Führung etwas ganz Besonderes verleiht: Wir sind in einer kleinen Gruppe unterwegs, unsere Führerin ist eine persönlich beteiligte Restaurateurin und ein Angestellter des Schlosses, der perfekt zum Interieur passt, gesellt sich immer mal wieder hinzu, um etwas beizutragen oder nur schmunzelnd zuzuhören.

Mir ist es so, als seien wir persönliche Gäste, denen hier das Haus gezeigt wird, bevor der Tee serviert wird. Es gibt keine Absperrseile oder bezeichneten Wege und wir schlendern zwischen den Möbeln umher und blicken durch die Fenster hinaus. Die Führung ist trotz der zwei Stunden bis zum Ende hin spannend. Das ist ein großer Unterschied zu vielen Schlossführungen, wo historische Personen auf Gemälden und Jahreszahlen durchgegangen werden.

Berühren dürfen wir nichts, aber wir bekommen eine Unmenge an Erklärungen und Anekdoten zu hören, über die Bewohner und Gäste, über die Einrichtungsgegenstände und die Konstruktion des Gebäudes, und nicht zuletzt auch über die Restaurierungsarbeiten, die hier ähnlich abenteuerlich sind wie Entdeckungsreisen in ferne Länder.

Schloss Hluboká nad Vltavou

Beispielsweise wurde bei der Restaurierung eines Spieltisches entdeckt, dass der mittlere Teil der Abdeckplatte früher herausnehmbar war, indem man sie an einer Seite hinab drückte. Darunter lag dann ein weiteres Spielfeld. Irgendwann hatte jemand die dazu notwendige Lücke in der umlaufenden inneren Leiste als einen Schaden fehlinterpretiert und das vermeintlich fehlende Stück ergänzt. Seitdem ließ sich die obere Platte nicht mehr kippen und saß so fest, dass der untere Teil in Vergessenheit geriet.

Wir sehen Stoffe aus Paris, die nachgedunkelt waren und nun nach der Reinigung überdeckt werden müssen, damit sie nicht zerfallen, und Vorhänge aus Indien, mit denen überhaupt nichts gemacht werden musste, weil die Farben nach all der Zeit noch so kräftig sind wie eh und je, und dies, obwohl sie im Tageslicht hängen.

Der Bauherr hatte aus England (wo ihn später sein Architekt mit dem Notizblock begleitet hatte) zahlreiche Neuerungen mitgebracht. So gibt es im Obergeschoss Wände, die dank horizontaler Träger „in der Luft stehen“ können, und natürlich importierte man die neuen Wasserklosetts, von denen einige als „Schrank-Toiletten“ ausgelegt sind, also als separate Kammern. Die erlauchten Gäste mussten nachts im Halbschlaf nicht erst auf den Flur spähen, ob nicht gerade auch Fürst XY im Nachthemd unterwegs war, denn jeder hatte sein eigenes WC.

Da die Original-Kachelöfen zu teuer waren, täuschte man bei den Herstellern kurzerhand ein Kaufinteresse vor und stellte dann anhand der zugesandten Verkaufsmaterialien Kopien her. Für die Herstellung der Imitate konnte man nämlich auf eigene Angestellte und Werkstätten zurückgreifen, und schon hatte man viel Geld gespart. Diese Ofen waren sozusagen selbstgebrannt – die Vorläufer der heutigen Raubkopien?

Neben jedem Herrschaftszimmer gab es auch ein kleines für den Chauffeur. Damals ließ man sich nämlich ganz modern im Automobil kutschieren, das einem nach den persönlichen Wünschen angefertigt und in den Herrschaftssitz geliefert wurde. Zu dem Auto gab es inklusive eine Einschulung für einen Angestellten, der damit zum Chauffeur erhoben wurde, womit er unter den Bediensteten fortan einen der oberen Ränge einnahm und von der rangniedrigeren Dienerschaft das Essen serviert bekam. Auf den Reisen übernahm der Chauffeur dann als einziger Begleiter auch die Aufgaben des Kammerdieners.

Dass die damaligen Chauffeure nicht immer sichere Fahrer waren, bezeugen ein paar Anekdoten. Es wäre interessant zu untersuchen, ob der böhmische Fahrstil schon damals seine ersten Wurzeln hatte.

Das letzte Zimmer war dem berühmten Vizeadmiral von Tegetthoff gewidmet. Ja, der Alpenstaat hatte damals eine Marine, die es sogar bis nach Mexiko und zurück schaffte. Der Raum besitzt eine Art Ausguck und ist mit allerlei maritimen Souvenirs ausgestattet. Da dies als das beste der Zimmer galt, wurde es von der Kommunistischen Partei – als typisches Volkseigentum – für Präsidenten und Staatsbesuche benutzt. Für die spießige Brachialästhetik dieser Machthaber wurde also das Badezimmer nebenan herausgebrochen und durch ein für damalige Verhältnisse modernes Bad ersetzt. Heute geht man also durch die historischen Räume, wo alles bis ins kleinste Detail abgestimmt und ausgearbeitet ist, und dann öffnet sich eine Tür zu einer Parallelwelt und man blickt in ein nüchternes Badezimmer, wie man es in vielen Reihenhäusern findet.

Natürlich kommt keine Anekdote aus der kommunistischen Ära in Böhmen ohne ihre besondere Pointe aus: Die Toilette ist nämlich aufgrund von Sabotage unbenutzbar, denn jemand hat Zement in den Abfluss geschüttet, weshalb das Rohr in einigen Metern Tiefe verschlossen ist. Einer der Präsidenten – ich glaube, es war Antonín Novotný – soll die Toilette aber dennoch während eines Aufenthalts benutzt haben. Über das Resultat können wir nur spekulieren.

Überstürzte Abreise

Vielleicht hätte ich einen späteren Zug zurück wählen und das Fahrrad für eine längere Zeit buchen sollen. Am Sonntagabend sind die Züge, die nach Prag fahren, gewöhnlich mit Wochenendrückfahrern überfüllt, weshalb ich froh bin, dass die Fahrkarte (online gekauft) bereits eine kostenlose Sitzplatzreservierung beinhaltet. Das allerdings bedeutet auch, dass ich rechtzeitig zurück sein muss.

Als die zweistündige Führung zu Ende ist, habe ich nicht mehr viel Zeit für weitere Besichtigungen. In rund 50 Minuten muss ich am Bahnhof sein und das Fahrrad zurück geben.

Die Kassiererin empfiehlt mir daher zum Abschluss eine schnelle Turmbesichtigung. So muss ich nämlich auf keine Führung warten und kann sofort auf eigene Faust loslegen.

Dieser Turm gehört zu den neuen Gebäudeteilen im Tudorstil. Der frühere Turm hatte eigentlich beim Umbau des Schlosses stehen gelassen und in den Neubau integriert werden sollen. Als jedoch die Gebäude ringsum abgerissen wurden, erschienen im Turm immer größer werdende Risse, so dass die Baustelle schließlich eilends evakuiert wurde, bevor er in sich zusammenbrach. Und da erwies es sich, dass er ohne Fundament gebaut und nur von den Nachbargebäuden gehalten worden war. Das wurde dann beim Neubau etwas solider gelöst.

Ich laufe also die 245 Stufen empor, gehe oben einmal rundum, schieße ein paar Fotos, laufe wieder hinab, mache auch das obligatorische Foto von der Frontseite des Schlosses und begebe mich zurück zu meinem Fahrrad, um nun die Fahrt zurück nach Budweis anzutreten. Wieder einmal bin ich der Tschechischen Bahn zu tiefer Dankbarkeit verpflichtet, dass sie mir ein so leichtläufiges Rad gegeben hat.

Ein paar Minuten vor Ablauf der Zeit bin ich dann im Bahnhof – nur um dann festzustellen, dass mir ohnehin ein ganzer Tag berechnet worden ist, statt der verlangten fünf Stunden, so dass ich mir auch mehr Zeit hätte lassen können. Nun gut, der Ausflug hat somit auch eine sportliche Komponente gehabt. Das nächste Mal werde ich mehr Zeit einplanen.

Wenig später sitze ich im Rychlík, dessen Name wohl von „rychlý“, also „schnell“ herrührt, weil dieser Zug bei den Unterwegshalten die kleineren Milchkannen auslässt. Die Fahrt zurück nach Prag verbringe ich dösend und schlafend.


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  1. Die Preise sind nur auf der tschechischen Seite angegeben. Ohne Inkarta ist es nur geringfügig mehr.

Christoph Amthor

Erster länger Aufenthalt in Tschechien im Jahr 1997. Seit 2003 wohnhaft zumeist in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger, Software-Entwickler.

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