Reitschule, Ruine und Schloss in Tachov

Tachov/TachauIch muss gestehen, dass das tschechisch-deutsche Grenzgebiet bestimmte Negativerwartungen an eine oft problematische und ungleiche Nachbarschaft weckt, die sich heute noch oft als Schmuddelzone mit Wild-West-Flair entlang der Grenze manifestiert. Die Stadt Tachov (ehemals Tachau) hat es geschafft, trotz ihrer Entfernung von nur rund 10 km zu Deutschland dieses Negativ-Image völlig zu widerlegen: Tachov wirkt ruhig, bescheiden und gepflegt. Selbst innerhalb nur weniger Jahre zwischen zwei Besuchen ist ein Fortschritt sichtbar: Seit meinem letzten Besuch sind ein paar Spiellokale verschwunden. Die Stadt könnte irgendwo in der Republik liegen, wären da nicht hier und dort ein paar deutsche Tagesurlauber, die sich glücklicherweise auch dezent verhalten.

Sprachlich ist man auf die deutschen Nachbarn gut eingestellt – vom Kellner über die Fremdenführer bis hin zu den Informationstafeln der Lehrpfade. Im Restaurant geht es mit der Sprache manchmal kreuz und quer, und wo man herkommt spielt außer der Verständigung sonst keine Rolle.

Stadt und Schloss

Tachov hat nach dem Holocaust und der Vertreibung der Deutschböhmen so eine Art Bevölkerungsttransfusion erlebt, wie mir der Kastellan des Schlosses erklärt. Hier waren nun mit einem Mal lauter Fremde zu Hause, seine Familie mit eingeschlossen. Allmählich jedoch begannen sie sich für die Umgebung verantwortlich zu fühlen. Zu merken ist das nicht nur daran, mit welchem Aufwand und welchem Stolz sie die Zeugnisse der Vergangenheit wiederherstellen und pflegen, obwohl sie zu ihnen kaum eine historische Beziehung haben. Einen viel stärkeren Eindruck macht für mich aber, wie gelassen und freundlich man mit deutschen Gästen umgeht.

Tachov erlaubt sich ein gemächliches Tempo, gerade am Wochenende. Der zentrale „Platz der Repuplik“, von den Bewohnern einfach nur „náměstí“, „Platz“, genannt, ist dann so leer wie in einem 100-Seelen-Dorf. Drei bestgelaunte Obdachlose kommentieren witzig die vorübergehenden Frauen und ein winziges blondes Mädchen weint, weil es weiter mit dem kleinen vietnamesischen Jungen spielen will und von dem Vater fortgetragen werden muss. Im Jahr 2007 errang Tachov den Titlel „Stadt der Bäume“, wohl nicht zuletzt wegen der beiden fürstlichen Alleen gen Osten und Westen. Heute findet hier die tschechische Baumklettermeisterschaft statt.

Schloss in Tachov/Tachau

Der Innenhof des Schlosses wird gerade erneuert.

Die Eigenwerbung der Stadt setzt neben historischen Bauwerken nun sehr auf die Sportanlagen, wofür sogar das historische Freibad zugeschüttet wurde. Es gibt keine Boutique-Cafés und keine Kunstgalerien. Es gibt hier nicht einmal ein Krankenhaus, wie der Kastellan bedauert. Junge Leute verlassen oft die Stadt, um woanders zu studieren, und oft kommen sie nicht mehr zurück.

Der historische Kern oberhalb der Mže (Mies) ist durch die ehemalige Stadtbefestigung klar abgegrenzt. Mir erschienen neben der Kirche Mariae Himmelfahrt, die 1329 fertiggestellt wurde, hauptsächlich das Schloss der Fürsten Windischgrätz und das nahe Světce (Heiligen) interessant.

Das Schloss ist ganzjährig geöffnet, mit stündlichen Führungen. Im Untergeschoss sind noch Reste eines Turmes zu sehen, der von einer früheren Burg vom Ende des 13. Jahrhunderts stammt. Zudem befindet sich dort eine schwere Stahltür, die daran erinnert, dass die örtlichen Stadt- und Parteigrößen hier für sich einen Atombunker eingerichtet hatten.

Nach dem Jahr 1945 ist das Gebäude zunehmend verfallen und wurde 1968 zum Abriss bestimmt. Die Bewohner jedoch haben es anders gewollt und die Renovierung selbst in die Hand genommen. Eine Gruppe von Rentnern machte sich an den Wiederaufbau und erhielt dafür den Spitznamen „dědkostroj“ – ein Wortspiel aus „děda“ (Opa) und „dělostroj“ (Kanone).

Durch die Fürstliche Allee

In Světce befindet sich zum einen die bedeutende Reitschule und zum anderen eine sehenswerte Ruine. Diese kleine Siedlung ist auf einem schönen Weg, der durch ein waldiges Gebiet an einem Bach entlang führt, erreichbar. Die Entfernung beträgt etwa 2-3 km, und der Weg ist gut befestigt.

Diese „Fürstliche Allee“ ist heute zumeist nicht mehr als solche zu erkennen. Der Weg beginnt westlich des Schlosses1 hinter der ehemaligen Mühle – das ist das gelbe Gebäude bei den Wasserbecken. Das Mühlrad ist nur von der straßenabgewandten Seite aus zu sehen. Man folgt eine Weile dem Weg „Na koupališti“ entlang der weiß-blau-weißen Markierung, immer mit dem Wasser auf der rechten Seite. Nach rund einem Kilometer trennt sich dann der Weg vom Bach, ist aber immer noch gut ausgebaut und daher leicht zu erkennen. In Světce folgt man dem Weg leicht nach links, der Pfeil ist mit „Jízdárna“ beschriftet. Nach ein paar Schritten erkennt man bereits das helle Gebäude der Reitschule.

Die Reitschule von Heiligen

Reithalle bei Tachov/Tachau

„Jízdárna“ ist die Reitschule, „rozhledna“ der Aussichtsturm. An den Schildern sind auch die Farben der Wegmarkierungen zu sehen.

Die Reitschule ist ein sehenswertes Gebäude, dessen Architektur (wie etwa die Oberlichter) durch englische Vorbilder inspiriert worden ist. Sie wurde im Jahr 1861 fertiggestellt und ist die größte Reitschule in Tschechien. In Mitteleuropa folgt sie die Größe betreffend direkt nach der Wiener Hofreitschule. Neben Konzerten und Veranstaltungen in historischen Kostümen finden in der 20 mal 40 Meter großen Halle sogar Flüge von Modellflugzeugen statt.

So wie auch das Schloss war das Gebäude einmal zum Abriss bestimmt gewesen. Nach der Wende hat aber die Stadt Tachov seine Bedeutung erkannt und mit der kostspieligen Renovierung begonnen, die immer noch fortdauert.

Feldmarschall Alfred I. Fürst zu Windischgrätz ließ die Reitschule in den Jahren 1858 – 1861 bauen. Anders als der Name vermuten lässt, diente das Gebäude vor allem der Repräsentation und dem herrschaftlichen Zeitvertreib, aber auch einfach der Pferdehaltung und allem was damit zusammenhängt.

In den Seitenflügeln des Erdgeschosses befanden sich die Stallungen für 24 Pferde, im ersten Stock acht Räume für erlauchte Gäste und deren Logen und auf dem Dachboden wurde Heu gelagert. Glücklicherweise hat das Gebäude nie gebrannt, obwohl der Raum in den Jahren des Verfalls immer noch voller Heu gewesen sein soll. In der Reithschule befand sich übrigens das erste Wasserklosett auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens – mitten im Wald, wer hätte das gedacht.

Reitschule bei Tachov/Tachau

Eine riesige Halle mitten im Wald.

Für die Damen gab es eine Loge, deren Höhe so bemessen war, dass sie den Reitern gerade ins Gesicht blicken konnten. Der Fürst selbst saß oben gegenüber des Eingangs, von wo aus er alles überblicken konnte: Neuankömmlinge, Gäste, und welche Reiter und Pferde sich gerade vorbereiteten. Der Boden seiner Loge war ursprünglich höher und schloss gerade mit dem vorderen Rand ab.

Während der Zeit des Nationalsozialismus hatte hier ein großes Treffen dessen Anhänger stattgefunden, der Raum war dementsprechend dekoriert.

Das Gebäude ist nun für Veranstaltungen und Führungen geöffnet, die im voraus gebucht werden müssen. Generell werden nur Gruppenführungen angeboten, aber wie mir die Schlossverwaltung berichtete, bemühe man sich, Einzelreisende mit Gruppen mitgehen zu lassen.

Reithalle bei Tachov/Tachau

Alles im Blick von der Fürstenloge. Die östliche (hier linke) Seite wurde noch nicht renoviert.

Vom Kloster und dem Waldschloss blieben nur Ruinen

Tachov - RuineOberhalb der Reitschule befindet sich eine Ruine, die in einem solch schlechten Zustand ist, dass man nur um sie herum gehen sollte. Es handelt sich um ein Schloss, das nie richtig vollendet worden ist und das wiederum auf einem aufgelassenen Paulanerkloster errichtet worden ist. An dieser Stelle hatte sich bereits im 13. Jahrhundert eine Kapelle oder Kirche befunden. Die Pflege obliegt heute, anders als die Reitschule, der Region Pilsen.

Caspar David Friedrich: Abtei im EichenwaldBei den richtigen Wetterverhältnissen muss die Ruine ein schönes Fotomotiv hergeben. Mich erinnerte sie fortwährend an entsprechende Gemälde von Caspar David Friedrich, so etwa die Abtei im Eichwald. Natürlich war der Eindruck bei dem strahlenden Sommerwetter ein völlig anderer.

Zu diesem Ort gelangt man, indem man oberhalb der Reitschule auf dem Hang etwa 100 m weiter nach Westen geht.

Oberhalb der Ruine kann man nun den Weg durch den Wald fortsetzen, oder den asphaltierten Weg entlang (siehe Wegweiser oben). Man gelangt so zu einem modernen Denkmal für eine Hussitenschlacht im Jahr 1427 und einem neuen Aussichtsturm mit einer Höhe von 28 m.

Nützliche Informationen

Reitschule bei Tachov/TachauKontakt zu Schloss und Reitschule (auch auf Deutsch) zur Buchung von Führungen.

Für einen ersten Eindruck kann man sich die virtuelle Besichtigung der Reitschule ansehen.

Unterkünfte

An Unterkünften gibt es keine große Auswahl. Es finden sich ein paar Hotels in Tachov und umzu, etwas günstiger und ebenfalls sehr komfortabel ist die von der Stadt betriebene Pension Revis.

Restaurants

Das River Restaurant2 hat eine sehr schöne Terrasse unter Bäumen am Wasser, die Bedienung ist schnell und freundlich und das Essen sehr gut. Sollte es dort zu voll sein, so kann man ein Stück nach links um die Schlossmauer herum gehen. An die Mauer angeschmiegt findet sich eine einfache aber ebenfalls gute Gaststätte.

Cafés

Das Café Indigo liegt bei einem etwas nüchternen Einkaufszentrum, hat aber eine schöne Terrasse und einen Raum mit Rundumblick. Zu versuchen wäre noch das Caffé u Venyho.3

Zeige 3 Fußnoten

  1. „zámek Tachov“
  2. Auf der deutschen Seite gefällt mir besonders der Ausdruck „Supersteak von der glücklichen Sau“. Die Aufforderung „Lassen Sie uns Ihr Gastgeber sein!“ soll übrigens nicht heißen, dass man seine Rechnung nicht zu bezahlen brauche.
  3. Info aus dem Internet, kenne ich nicht persönlich.
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  • Christoph Amthor

    Erster länger Aufenthalt in Tschechien im Jahr 1997. Seit 2003 wohnhaft zumeist in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger, Software-Entwickler.

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