Vom Prager Semmering ins Prokopské Údolí

Zwischen Smíchov und Barrandov zweigen zwei Bahnlinien von der Hauptstrecke ab. Die eine macht eine Kehrtwende, um dann fast wieder zum Bahnhof Smíchov zurückzukehren. Die andere schneidet zweimal quer durch diese Schleife, einmal ins Innere, und dann wieder hinaus.

Was geht dort vor sich? Hat die Bahnlinie eine solche Steigung zu überwinden, dass es nur mit einer Serpentine zu schaffen ist? Die Prager Bahn pflegt sonst eher höhenscheu zu sein und behilft sich, wo immer es geht, mit Tunneln und Einschnitten. Eine Ausnahme bildet da lediglich die Prager Tram, die sich von der Kleinseite aus den Hang hinauf windet.

Ein Blick entlang der Strecke führt zu keiner zufriedenstellenden Antwort: Jinonice, Cibulka, Stodůlky, Zličín – sollten diese Bahnhöflein den Aufwand rechtfertigen?

Diese geheimnisvolle Gleisschleife wird „Prager Semmering“ genannt, vor allem wegen der zwei Viadukte.  Die Strecke wurde in den Jahren 1868 bis 1872 errichtet und führt durch felsiges Gelände. Allerdings ist der eigentliche Teil nur 9 km lang.

Da Eisenbahnbrücken oft von unten besser aussehen als in der Überfahrt, verbinde ich den Weg mit dem gleich dahinter liegenden Naturschutzgebiet „Prokopské údolí“, also dem „Tal des Prokop“.

 

Der „Prager Semmering“

Semmeringbahn

Zum Vergleich: Die Original-Semmeringbahn (Quelle)

Die Fahrt beginnt in Smíchov, aber nicht direkt im Bahnhof Smíchovské nádraží, sondern am Busbahnhof Na Knížeci. Dieser ist von der Metro-Station sehr gut erreichbar, man nimmt einfach den südlichen Ausgang.

Der alte Triebwagen vermittelt den Eindruck, irgendwo in einem verborgenen Winkel der Welt unterwegs zu sein. Es geht zumeist langsam voran, über einige Weichen in Schrittgeschwindigkeit. Dann, für Momente, öffnet sich der Blick auf das Tal und auf die Stadt.

Nach kurzer Fahrt bin ich bereits in Jinonice angelangt. Von dem ursprünglichen Dorf ist dort nichts mehr zu sehen. Statt dessen begrüßen mich riesige Bürogebäude und Wohnblöcke. Mit dem Bahnhof verlasse ich diesen nostalgischen Mikrokosmos und befinde mich in einer der vielen Prager Trabantenstädte. Zunächst geht es eine sehr verkehrsreiche Straße entlang.

Tipp: Auf dem Weg zum „Semmering“ hinauf empfiehlt es sich, im Zug rechts zu sitzen, um von der Brücke aus den besten Ausblick zu haben.

Butovice

Gleich hinter Jinonice befindet sich Butovice (Budowitz), das glücklicherweise abseits der lärmenden Straße liegt. Dieser Ort hat sich insgesamt noch seinen eigenen Charakter bewahrt. Die Häuschen stehen geduckt in Reihen, und während ich mich in dem Netzwerk der Gassen zu orientieren versuche, strömen mir Schulkinder entgegen, die gerade frei bekommen haben.

Butovice kann sich vor allem einer Kirche (Hl. Vavřinec) aus dem 11. Jahrhundert rühmen, die ein wenig erhöht liegt. Von dem ursprünglich romanischen Gebäude ist allerdings nur wenig erhalten, die gesamte Szenerie ist jedoch dennoch sehr malerisch.

Hinter Butovice gibt es zwei Alternativen: Hinunter ins Tal, oder über das Plateau. Für beide Wege kann man gleich hinter der Kirche fortfahren und sich dann ein wenig rechts halten, um dann je nach Wunsch ins Tal hinab zu steigen oder oben zu bleiben.

 

Über die Höhe

Der Weg oben am Rand des Plateaus entlang lohnt sich nicht nur wegen der Aussicht, sondern auch für Geschichtsbewusste: Die ersten Spuren einer Besiedlung stammen aus der Jungsteinzeit. Danach befand sich hier etwa vom 9. bis zum 11. Jahrhundert n. Chr. eine befestigte Siedlung mit zwei Wällen. Der hierfür verwendete Mergel musste mindestens 3 km hergeschafft worden sein, was auf einen gewissen technischen Entwicklungsstand der damaligen Erbauer verweist.

Der Pfad folgt entlang der ehemaligen Umfassung und ist gut befestigt und markiert. Im Süden kann man in das Tal hinab steigen.

 

Durch das Tal nach Hlubočepy

Das Tal ist sehr malerisch und ruhig. Anders als bei der Wilden Šárka wirkt die Landschaft aber sanfter, also weniger steil und zerklüftet. Hier fließt der Bach „Prokopský potok“, der später in den „Dalejský potok“ mündet, und im unteren Tal stößt auch die untere der beiden Bahnlinien zur Straße. Der Weg ist asphaltiert und für ideal für Radfahrer, zudem gibt es gerade im unteren Abschnitt praktisch keinen motorisierten Verkehr.

Empfehlung

Restaurant Cerny kohoutGünstig gelegen für eine Rast befindet sich das Restaurant Černý Kohout (Schwarzer Hahn). Man sitzt gemütlich im Innern und sehr schön auf der rückwärtigen Terrasse (mit Grill), Bedienung, Speisen und Getränke waren bei meinen Besuchen immer hervorragend. Der Weg dorthin ist relativ einfach zu finden: Im Tal finden sich zahlreiche hölzerne „Restaurace“-Schilder. Im westlichen Teil des Tales, etwa dort, wo der Weg von der Bahnlinie abzweigt (beim Spielplatz), unterquert man die Bahnlinie und geht etwa 300 Meter die Straße hinauf.

Im eigentlichen Tal und auf der Anhöhe gibt es keine Gastronomie – erst wieder in Jinonice bzw. Hlubočepy.

 

Nützliche Informationen

Erreichbarkeit

Die Strecke über den „Prager Semmering“

Straßenbahnhaltestelle Hlubočepy

Von der Haltestelle „Hlubočepy“ unterquert man die Brücke mit den Gleisen.

Über die Auskunft des Prager Verkehrsverbundes findet man nur Metro und Busse. Es muss daher direkt auf der Seite der Bahn gesucht werden. Dort findet sich auch eine Sprachauswahl. Auf der gesamten Strecke gelten Fahrscheine des Verkehrsverbundes im Tarif des Innenstadtbereichs.

Wer in umgekehrter Richtung fahren will, kann etwa die Metro bis Jinonice nehmen und dann die kurze Strecke zum Bahnhof Jinonice gehen.

Hlubočepy

Unten am Tal kann man bereits im Ort Hlubočepy den Bus nehmen, so etwa an der Haltestelle „Nádraží Hlubočepy“, oder noch ein Stück weiter zur Straßenbahnhaltestelle „Hlubočepy“ gehen.

Zu Fuß oder auf dem Fahrrad

Der Weg durch das Tal ist ideal für Fußgänger und Radfahrer. Der Weg über die Anhöhe dagegen empfiehlt sich nu zum Wanderen und führt zum Teil über Pfade, die in der Dunkelheit oder bei schlechtem Wetter bestimmt keine Freude machen. Wie hierzulande üblich muss man sich am Abhang auf die Sicht und seine Intuition verlassen, um zu beurteilen, wie weit man sich hinaus wagen kann. Der Übergang zwischen Hang und Schlucht ist oft nur fließend.

 

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  • Christoph Amthor

    Erster länger Aufenthalt in Tschechien im Jahr 1997. Seit 2003 wohnhaft zumeist in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger, Software-Entwickler.

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