Ostravas unterirdische Vergangenheit

Morgens um halb zehn in Ostrava: Der Himmel ist verhangen, und hin und wieder setzt Nieselregen ein. Während ich den Bahnhof verlasse und eine verkehrsreiche Ausfallstraße entlang auf die Autobahnbrücke zugehe, kommen mir Zweifel, ob ich mir die beste Jahreszeit und das richtige Wetter ausgesucht habe. Oder überhaupt das richtige Ziel.

Ostrava Hauptbahnhof

Ostrava Hauptbahnhof

Die nordmährische Stadt Ostrava (Ostrau) ist mit rund 300 Tausend Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes. Sie liegt nur etwa 10 km von Polen entfernt und hat ihre ganz eigene Identität, die sich zum Beispiel auch in einem typischen Dialekt manifestiert.1 In Böhmen werden die Leute aus Ostrava oft als etwas einfacher, und ungehobelter belächelt, und ihre Aussprache gilt als urig.

Ostrava ist vor allem als Bergbaustadt bekannt und hat gerade seit der Wende, als nun überfällige Entwicklungen über die Region hereinbrachen, mit einigen Problemen zu kämpfen. Der Vergleich zum Ruhrgebiet oder zu Manchester vor zwanzig Jahren bietet sich an, und ähnlich steht nun Ostrava vor der Herausforderung, das zur Last gewordenen Industrieerbe zu seinem Vorteil zu nutzen.

Problematisch ist unter anderem eine große Menge an schlecht qualifizierten Arbeitskräften, die in der neuen Ära nur schwer unterzubringen sind. Übrigens ist Ostrava in Tschechien kein Einzelfall, viele Parallelen finden sich etwa zu Kladno, der früheren böhmischen Hochburg der Stahlproduktion.

Ostrava bei NachtOstrava hat weder sagenhafte Burgen noch Kathedralen zu bieten, besitzt keine besonders sehenswerten Berge oder Flüsse, betreibt keinen Weinbau und hat keine nennenswerte Bierbrautradition. Die Innenstadt wirkt weder besonders schön noch besonders hässlich. Ostrava ist eine für tschechische Verhältnisse große und im nationalen Bewusstsein sehr präsente Stadt, die aber immer wie ein ungelöstes Problem, als etwas Sperriges und Unattraktives irgendwo hinten im Land liegt, etwas, das man nicht so genau kennt und bei dem man sich doch hinreichend sicher ist, dass eine nähere Beschäftigung kaum lohnen würde.

Mir ging es da nicht anders, und hinzu kam noch die Erfahrung, dass die unerträgliche Langsamkeit vieler öffentlicher Verkehrsmittel selbst mittelweite Strecken zur Geduldprobe werden lässt.2 Eine Fahrt nach Ostrava war also überfällig, und als thematischer Schwerpunkt bot sich eben der Bergbau an. Gerade hier, dachte ich mir, sollte Ostrava doch mehr zu bieten haben als alle anderen tschechischen Städte.

 

Die Anfahrt

Ich hatte mir das Ziel gesetzt, zwei besondere Orte zu besuchen: Zum einen das Bergbaumuseum am Hügel Landek und zum anderen die ehemaligen Witkowitzer Eisenwerke (Vítkovické železárny). Dafür reicht ein Tag, wenn man in Prag früh aufbricht und spät abends zurück fährt. Allerdings ist es gerade bei spätherbstlichem Wetter und infolge der früh einsetzenden Dunkelheit kaum möglich, alles bis ins Detail zu sehen, außer dass man wirklich von Ort zu Ort hetzt.

Um Zeit zu sparen, fuhr ich mit dem Leo Express – einem komfortablen und zuverlässigen Zug, der die für tschechische Bahnen schier unglaubliche Geschwindigkeit von 160 km/h erreicht. Pro Fahrt habe ich nur 99 Kč bezahlt, also weniger als 4 €. An Bord gibt es Internet und Bedienung am Platz, letztere allerdings nicht kostenlos, und das Baguette war keine kulinarische Kostbarkeit. In etwas über drei Stunden war ich am Zielbahnhof.

Zu dem Bergbaumuseum kommt man als gewohnter Stadtwanderer gut zu Fuß, allerdings führt die Strecke an einer geschäftigen Straße entlang. Alternativ kann man mit dem Bus bis zur Haltestelle „Hornické muzeum“ fahren und von dort aus etwa 10 Minuten zu Fuß gehen.

 

Ein Museum in historischen Stollen

Das Bergbaumuseum befindet sich im Landek Park, einem Areal, auf dem sich zudem auch Sporteinrichtungen und ein gutbürgerliches Restaurant befinden. Am Haupttor bekommt man die Eintrittskarten: Die kleine Tour („Malý okruh“) berechtigt nur zum Eintritt in die Ausstellung über das Rettungswesen im tschechischen Bergbau, weshalb ich die große Tour („Velký okruh“) empfehle, die auch den unterirdischen Teil beinhaltet. Fremdsprachige Führungen sind zum Aufpreis verfügbar.

In der Tour war ich dann der einzige Gast, was dem Rundgang eine persönliche und sehr freundschaftliche Note gab. Der ehemalige Bergbauingenieur konnte zu jedem Gerät seine eigene Erfahrung hinzufügen und kannte sich vor allem mit technischen Dingen sehr gut aus. Unter anderem hatte er auch in Prag beim Bau der Metro mitgeholfen und war oft in Deutschland gewesen, um dort Großmaschinen einzukaufen.

Was ich besonders zu schätzen wusste, war die Tatsache, dass die Ausstellung in einem wirklichen Stollensystem untergebracht ist – zwar nur rund sechs Meter unter der Oberfläche, aber immerhin waren einige Gänge wegen der Gase versiegelt und hatten Methanmessgeräte, so authentisch war es dann doch. Zudem lief fortwährend die Ventilation im Wetterschacht. Am Ende konnte man in einen historischen Schacht blicken.

Während der Führung bekommt man eine Fülle an Informationen geboten. Angefangen hatte der Bergbau hier damit, dass man sich auf dem Hügel, wo die Flöze an die Oberfläche treten, einfach der Kohle folgend in die Tiefe gegraben hat. Schließlich begann man, sich den Flözen systematisch von der Seite zu nähern. Rückenkörbe wurden von Handkarren abgelöst, es wurden Kinder eingesetzt, um Loren zu schieben. Dann kamen Pferde, und mit ihnen wurden neue Berufszweige notwendig.

Gase (Kohlenmonoxid, Kohlendioxid, Methan und durch Sprengungen entstehende Abgase) müssen abgesaugt und rechtzeitig erkannt werden. An bestimmten Stellen darf aufgrund der Explosionsgefahr keine Elektrizität eingesetzt werden. Angefangen vom Kanarienvogel wurden Gasdetektoren entwickelt. Heute muss der Sauerstoffgehalt zudem mindestens 20% betragen, also einen Prozentpunkt unter dem üblichen Anteil. Alle erforderlichen Tätigkeiten – zur Kohlegewinnung und für die Sicherheit – brachten schließlich ein komplexes System von Berufen mit sich, wo auf alle Verlass sein musste.

Schließlich haben nur noch 20% der Arbeiter Kohle abgebaut. Weitere 20% waren mit der Erstellung und Sicherung von Stollen beschäftigt, und der Rest verteilte sich auf unzählige Hilfsberufe, vom Techniker bis hin zu den Geologen, die in das Gestein bohrten und aus den Bohrkernen ein Profil erstellten. Nach diesen Profilen wurden dann dreidimensional neue Stollen geplant.

Ein paar Maschinen lassen sich in Betrieb setzen, so etwa ein Hobel, der hydraulisch an ein Kohleflöz gedrückt wird und bei jeder Fahrt die Kohle von der Wand schabt.

 

Diese Maschine3 aus polnischer Herstellung (zumeist kamen sonst sehr viele Maschinen aus Deutschland) wurde eigentlich nicht in diesem Bergwerk eingesetzt, da die Flöze zu schmal dafür waren.

 

Rettungswesen und technischer Fortschritt

Eine eigene Sparte des Museums bildet das Bergbau-Rettungswesen, wo es zum einen um die Bergung und Versorgung von Verletzten geht, was zunehmend unter Tage vor Ort geschieht, zum anderen um Brandbekämpfung.

Dieser Teil des Museums beginnt bezeichnenderweise mit einem Andachtsraum, dessen eine Wand voll mit den Namen der Helfer ist, die bei Rettungseinsätzen ums Leben gekommen sind. Gegenüber der Tafel sind hinter Glas verschiedene Modelle von Atemschutzgeräten zu sehen. Das sind die Geräte, von denen oft das Leben abhing.

Ostrava - Wiederbelebungsgerät im Bergbau

Man kennt es noch aus alten Filmen: Die Auf- und Ab-Bewegung der Arme sollte der Wiederbelebung dienen.

Unter Tage sind die Bedingungen völlig anders als auf der Oberfläche, so dass eigens ausgebildete Rettungsteams mit besonderer Ausrüstung notwendig waren. Beispielsweise wurde die ausgeatmete Luft der Atemschutzgeräte neu mit Sauerstoff angereichert, so dass die mitgebrachten Flaschen für vier Stunden reichten. Moderne Geräte besitzen sogar eine Kühlung der umlaufenden Atemluft, die sich sonst übermäßig erwärmen würde.

An solchen Details sieht man, wie wichtig es war, diese Technik immer weiter zu optimieren. Unter Tage herrschen zum Teil lebensfeindliche Bedingungen, in denen der Mensch ähnlich von seiner Ausrüstung abhängt wie ein Tiefseetaucher. Ein geeigneter Filter mit Katalysator kann bereits helfen, sich aus einer Gefahrenzone in Sicherheit zu bringen. Umgekehrt kann ein Ausfall der Luftkompressoren lebensbedrohlich sein. Viele Ausstellungsstücke illustrieren daher für jede Epoche den damaligen Stand der technologischen Entwicklung.

Neben moderner Technologie werden aber auch heute noch bewährte alte Methoden beibehalten: So etwa wird bei Gefahr von der Oberfläche aus ein übelriechendes Gas in die Lüftung „eingeschossen“ – ein Alarmsignal, das zuverlässiger bei jedem Bergmann ankommt, als Telefone je dazu in der Lage wären.

In der Führung wird mir deutlich, dass sich dieses Museum nicht nur mit der Vergangenheit beschäftigt. Dieses Jahr sind bereits einige tschechische Bergleute bei einer Methanexplosion ums Leben gekommen, ein weiterer starb in einem Unfall mit einer hydraulischen Maschine.

 

Rückblick und Ausblick

Insgesamt war allein schon der Besuch des Bergwerkmuseums die Reise wert. Anders als in vielen technischen Museen ist man hier einfach „vor Ort“ – im Stollen, und mit Leuten, die mit diesen Geräten gearbeitet haben, die sie nun erklären. Man fühlt, dass hier der Bergbau noch in den Menschen weiter lebt. Es ist mehr als ein Beruf, den man ergreift und wieder ablegen kann. Gerade am Tag vor meinem Besuch etwa hatte hier eine große Veranstaltung der Bergleute stattgefunden – in traditionellen Uniformen und natürlich mit Umtrunk. Dieser Stolz auf den Bergarbeiterberuf ist wohl etwas, was man von den Leuten selbst erfahren muss. Es eröffnet eine völlig andere Perspektive auf Ostrava, als man von außen mitzubekommen pflegt.

Park Landek bei Ostrava

So etwa 2-3 Stunden sollte man für den Besuch rechnen. In dem Restaurant auf dem Gelände gibt es einfache tschechische Speisen in gepflegter und freundlicher Umgebung. Die Zeit reicht also gut, um nach einer Mittagspause noch etwas Weiteres zu unternehmen.

Mehr davon im zweiten Teil.

 

Zeige 3 Fußnoten

  1. Im Tschechischen sind sich Dialekte sehr viel näher als im Deutschen. Zumeist versteht man selbst als Ortsfremder zumindest, worum es geht.
  2. Z.B. führt die einfachste Verbindung zwischen zwei Bezirksstädten oft nur über Prag.
  3. Nach meiner Ansicht eine so genannte „Schrämmaschine“. Die Führung war auf Tschechisch, hier und dort mit deutschen Begriffen.
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  • Christoph Amthor

    Erster länger Aufenthalt in Tschechien im Jahr 1997. Seit 2003 wohnhaft zumeist in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger.

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    1 Antwort

    1. Elisabeth sagt:

      Danke für diesen hochinteressanten Bericht! Auch die Fotos sind sehr gelungen und aussagevoll!

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