Nach Mělník ins Café

Bus nach MělníkIn dem überfüllten Bus wirkt das Schild mit der Mahnung zur Anschnallpflicht absurd. Wir füllen den Gang bis vorne zum Eingang. Jede Gewichtsverlagerung will so koordiniert sein, dass man seinem Nachbarn nicht auf die Füße tritt. Zum Glück hat der Fahrer gleich die Lüftung hochgedreht. Bei dem Sonnenwetter würden wir hier sonst schmoren wie im Heißluftherd.

Nicht alle Fahrgäste haben Platz im Bus gefunden. Die tschechischen Regionalbusse sind oft so beliebt, dass man mindestens 15 Minuten vor Abfahrt da sein sollte, um überhaupt noch hineingelassen zu werden, falls man nicht im voraus bucht.

Kanaldeckel in MělníkIch bin unterwegs nach Mělník.

Mělník besucht man gewöhnlich wegen zweier Dinge: der Moldaumündung und des Weins. Beide sind wohl etwas für Kenner, erschließen sich also noch nicht beim ersten Kontakt.

Von der Promenade vor dem Schloss hinab blickend hält jeder Neuling zunächst einmal den nahen Kanal für die Moldau. Die wahre Moldau jedoch mündet ein Stück weiter südlich in die Elbe. Man muss sich also nach links über die Brüstung lehnen, um sie gut zu sehen.

Ich persönlich schätze Mělník als einen gut erreichbaren Ausflugsort mit schöner Aussicht, der zwar völlig unspektakulär ist, aber genug für ein paar ruhige Stunden außerhalb Prags zu bieten hat. Mělník ist für mich – völlig unerwartet – zudem ein Ort geworden, das zwei besondere Cafés zu bieten hat. Eigentlich müsste ich noch als drittes dasjenige im Schloss hinzufügen, das bestimmt einen Besuch wert ist, wenn man auf Plüsch und Schnörkel steht. Und eigentlich ist das eine der von mir bevorzugten Cafés auch nur das, was es ist, dank seiner Verbindung mit einem Buchladen. Dort habe ich mich zuerst eingefunden – mein Besuch dort hat fast schon etwas Rituelles.

Café und Antiquariat Želví Doupě

Schild von Želví DoupěLachend begrüßt mich der selbe Mann im Buchladen, der sich gerade erst nebenan im Café von mir verabschiedet hatte. „Hier vorne sind die aktuellen Titel, dahinter folgt das Antiquariat, und wenn Sie auf das Klavier treffen, dann haben sie das Ende erreicht“, lautet die Kurzeinweisung in die Topologie seines Reiches. Und ich solle mich melden, wenn ich eine Orientierungshilfe bräuchte.

Das Café und der Buchladen mit dem Namen Želví Doupě, also etwa „Schildkrötenhöhle“, bilden eine Einheit, die mir sogar besser gefällt als die zum Standard gewordene Verschmelzung beider Teile, wo sich dann Buch und Kuchen den Tisch teilen. Von dem Ausläufer des zentralen Stadtplatzes aus, der Erbenova Straße, gelangt man in einen Durchgang und von dort wahlweise nach links zum Kaffee oder nach rechts zu den Büchern. Das Café ist betont kinderfreundlich, bietet Fairtrade-Produkte und eine Reihe von Tischen hinten hinaus auf dem Rasen, mit Blick auf die alte Stadtbefestigung. Die Bedienung ist auch hier so gelassen freundlich, als sei ich ein häufiger Gast, der zu jeder Zeit über den Zaun herein steigen dürfte.

Galerie und Café Ve Věži

Café ve Věži

Der Eingang befindet sich im “Prager Tor”.

„We speak English“ versprechen die Türflügel im Durchgang des „Prager Tors“, oder sind es Fensterläden? Ein wenig überladen mit Versprechen und Aufklebern, erinnert der Eingang zunächst an die Souvenirläden in der Prager Altstadt. Bei dem Treppenaufgang zur Galerie und Café im Turm scheint man den Kopfraum vergessen zu haben.

Ein Stockwerk höher jedoch fallen alle Vorbehalte von mir ab: Ich trete in einen kleinen, ruhigen Raum, der etwa von quadratischer Grundfläche sein mag und in dem ein paar Tische stehen. Die Atmosphäre ist gezeichnet von dem alten Gemäuer und dem dunklen Holz der Balken und Bohlen. Ein winziges Café, denke ich, und zugleich eine Galerie.

Über der Theke, mit einer Küchenzeile auf engem Raum, führt eine Treppe hinauf, die beim Hinaufsteigen besondere Vorsicht verlangt. Ich überlege, ob ich jetzt schon bestellen soll, um die Bedienung nicht zweimal diese steile Treppe steigen zu lassen. Aber zumindest möchte ich mich zunächst einmal umsehen. Oben stehen weitere Tische auf einem umlaufenden Balkon.

Café ve Věži

Das oberste Stockwerk, das noch bedient wird.

Und auch hier führt eine Treppe hinauf. Schließlich ist es ein Turm, denke ich, also ein wirklicher Turm. Nicht bloß ein Raum im Erdgeschoss eines Turmes.

Das nächste Stockwerk sieht wieder anders aus: Hier wird fast der gesamte Raum von einem großen, mittig stehenden Tisch eingenommen, der ein großes Loch in der Platte hat. Dieses Loch dient der kleinen, runden Plattform eines handbetriebenen Aufzugs als Durchlass. Hier scheint das Problem der verschiedenen Ebenen also auf kreative Weise gelöst worden zu sein.

Eine weitere Treppe führt hinauf: Ich komme in einen Raum, in dem sich das Uhrwerk der Turmuhr befindet. Und wieder geht es hinauf. Hier befinden sich die Toiletten – zusammen mit einer weiteren Stiege. In dem letzten Raum, der den Gästen zugänglich ist, kann ich in zwei Himmelsrichtungen in die Ferne sehen. Sogar ein altmodisches Fernglas steht hier zur Verfügung, an einer Schnur hängend.

 

Café ve Věži

 

Ich entscheide mich für die Ebene direkt über der Theke. Die Bestellung verläuft folgendermßaen:

Ich suche mir etwas aus der Karte aus und schreibe die entsprechende Nummer auf einen Zettel. Neben dem Aufzug, von dem gerade nur die Seile sichtbar sind, befindet sich ein Glöckchen, mit dem ich den Aufzug rufe. Das läuft ganz athletisch per Muskelkraft von unten. Dann hefte ich den Zettel auf die Plattform und kehre zu meinem Tisch zurück.

Nach einer Weile kommt der Aufzug wieder herauf, mit der gewünschten Bestellung.

Bevor ich zum Zahlen hinunter gehe, stelle ich das benutzte Geschirr wieder auf den Aufzug.

Zurück nach Prag

Der Bus, der von Mělník zurück nach Prag fährt, ist ein Nahverkehrsbus. Ein Gutteil der Fahrgäste legt die Strecke rückwärts sitzend zurück. In Mělník grüßen die Fahrgäste beim Einsteigen den Fahrer, lächeln dabei: „Einen guten Tag wünsche ich!“ Eine Frau, die mit einem kleinen Kind zur hinteren Tür aussteigt, ruft ihr Dankeschön und den Abschied durch den Wagen nach vorne.

Dann kommen wir nach Prag, Ládví. Die Kleinstädter strömen aus dem Bus und vermengen sich mit den Menschen vor der Metrostation. Prag hat mich wieder.

 

Christoph Amthor

Erster länger Aufenthalt in Tschechien in 1997. Seitdem zumeist wohnhaft in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger.

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