Malvazinky – das unbekannte Smíchov

Kaum ein Prager Stadtteil außerhalb der Altstadt steht so sehr für Trubel und Hektik wie Smíchov. Gerade wenn ich von der Metrostation Anděl auf die Kreuzung der Straßen Plzeňská und Nádražní trete, komme ich mir oft vor wie am Piccadilly Circus oder Times Square: Leuchtreklame, Taxen, Straßenbahnen, Kaufhäuser, Straßenmusiker und Ströme von Passanten, die sich hier durchqueren.

Gerade hier kreuzen sich auch wichtige Verkehrswege über und unter der Erde. Der ganze Verkehr aus Richtung Südwesten trifft hier ein, kurvt durch die Straßen und zwängt sich dann über eine der Brücken, insofern er nicht in einem der Tunnels verschwindet. Smíchov hat sogar einen wichtigen Bahnhof, wo die Züge aus Richtung Pilsen halten und auf den „Prager Semmering“ fahren.

Die umliegenden Straßen sind hochbegehrt für ihre Wohnungen mit altem Flair und praktisch allem, was man braucht, direkt vor der Tür. Dabei ist Smíchov auch beliebt bei Touristen. Hier gibt es Kneipen und Spätläden, und in wenigen Minuten ist man zu Fuß an der Moldau.

Jenseits des Busbahnhofs

In allen belebten Vierteln gibt es so etwas wie eine kleine, versteckte Tür in der Kulisse, in der man schnell in Straßen oder sogar weitläufige Gegenden kommt, die einen völlig anderen Charakter haben. Was mich diesmal interessiert, ist ein Segment Smíchovs, der ein wenig abgeschnitten ist durch ein paar verkehrsreiche Straßen.

Mein Weg beginnt bei der Metro-Station Anděl. Hier nehme ich den Ausgang zum südwestlichen Eck hin, also gerade weg von der belebten Kreuzung. Oben befindet sich ein etwas heruntergekommen wirkender Busbahnhof nahe der Gleisanlagen – Na Knížecí.

Von hier aus muss ich nur noch die Radlická-Straße überqueren und eine flache Treppe hinauf gehen, und schon bin ich beim Park Na Skalce. Der gesamte folgende Spaziergang spielt sich westlich dieses Parks ab: die Straße Na Václavce hinauf, mit einem kurzen Schlenker Richtung Süden zum Friedhof hin, und dann in einem nördlichen Bogen zurück.

Dieses ganze Gebiet ist auch als Malvazinky bekannt, benannt nach dem Gut Malvazinka.1 Die Gegend ist gezeichnet von hügeligem Gelände und durchzogen mit Treppen und Fußwegen. Hier finden sich auch überraschend viele Villen von Neorenaissance bis Funktionalismus und andere architektonisch interessante Gebäude, und viele Häuser haben schöne Gärten mit Hanglage und Blick über ein Tal.

Sehenswürdigkeiten Prag-Smíchov
Die besuchten Orte. Daneben ist auch der Park „Santoška“ einen Abstecher wert. Die Metro-Station „Anděl“ liegt oben rechts außerhalb des Kartenausschnitts.

Die Villen Helenka und Václavka

Ich folge der Straße Na Václavce aufwärts. Bald schon erblicke ich die Villa Helenka – sie ist unübersehbar: ein helles Gebäude mit einem Türmchen, das sich durch große, runde Fenster auszeichnet und von einer Art flachem „Hut“ abgedeckt wird. Die Bemalung der Wände erinnert mich an traditionelle Bauernmöbel. Gebaut wurde es 1903.

im Jahr 1905 wurde gleich nebenan die Villa Václavka fertiggestellt, und zwar vom selben Bauherrn. Nachdem Helenka im Jugendstil erstrahlt, hatte er sich hier überraschenderweise für die historisierende Neorenaissance entschieden.

Teiges Haus

Karel Teige war ein einflussreicher Kunst- und Architektur-Theoretiker der Zwischenkriegszeit, der sogar am Bauhaus gelehrt hatte. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin, Mutter und Schwester lebte er in den Jahren 1939 – 1951 im ersten Stock eines Reihenhauses, das zumindest von außen zu besichtigen ist. Das Erdgeschoss hatten zwei Familien gemietet, während im Souterrain der Hausmeister wohnte.

Kolonie Malvazinky

Ein Stück südlich der Straße Na Václavce und ihrer Fortsetzung Peroutkova treffe ich auf zwei Reihen winziger Häuschen. Sie sind so klein, dass in das Erdgeschoss gerade mal ein Wohnzimmer mit Bad (und laut Gerüchten auch eine Küche) passt, während sich das Schlafzimmer oben im Dachgeschoss befindet.

Je nach Besitzer sind die Häuschen verschieden renoviert und auch angemalt. Die meisten ziehen sich die Straßen Příma a Xaveriova entlang, ein paar weitere stehen unweit davon in der Pravoúhlá. Auch wenn ich nicht weiß, ob ich so eng leben möchte, ist es doch ein reizender Anblick, der in Prag seinesgleichen sucht.

Gleich dahinter liegt der Friedhof von Malvazinky.

Friedhof Malvazinky
Friedhof Malvazinky

In dem Stadtteil finden sich ein paar sehr schöne Grundstücke, die – den geparkten Autos nach zu urteilen – nicht alle billig zu sein scheinen. Einige Gebäude haben früher Kliniken beherbergt, die aber dann offenbar ins Krankenhaus Motol verlegt wurden. Jetzt wirken sie seltsam, wie moderne, zerfallende Dornröschenschlösser. Nun gut, es sind keine Schlösser, aber ähnlich geheimnisvoll.

Die Villen Winternitz und Pick

Höhepunkte sind hier die Villa Winternitz, ein Werk von Adolf Loos, und die Villa Pick mit ihrem markanten Dach. Die Villa Winternitz kann besichtigt werden.

Der frühere Eigentümer Josef Winternitz wurde übrigens später im Konzentrationslager umgebracht. Im ganzen Viertel begegnen einem diese traurigen Fußnoten, also auch Gedenktafeln an Häusern, wo jemand von der Gestapo abgeholt wurde und nie wieder zurück kam.

Zurück zum Ausgangspunkt

Ein Stück hinter der Villa Pick biege ich rechts in einen abschüssigen Weg ein, der zwischen Bäumen hinab führt.

Malvazinky

Ich passiere das Winterstadion Nikolajka – auch ein Stück Vergangenheit. Der Name stammt eigentlich von einer Gutshof. Gleich hinter dem Stadion befindet sich das Café Kavárna jako doma (Café wie zuhause). Es wirkt zunächst wie ein Kinderhort, aber auch ich finde dort meinen Platz. Zwischendurch kommen Nachbarn, um etwas zu kaufen, oder zum Tratschen.

Ein Stück weiter in der Parallelstraße U Nikolajky befindet sich TRIKO, eine Mischung aus „Kolonialwarenhandel“ (also hier ausgewählte Gemischtwaren) und Café mit Imbiss. Das Inventar ist völlig anders als bei den üblichen Spätläden: verschiedene Sorten Wein und Limonaden, Brot, Senf und dergleichen.2 Kaffee und Speisen kann man im hübschen, kleinen Innenraum zu sich nehmen oder auf zwei Schul- oder Kirchenbänken auf der Straße.

Von dort aus ist es nur ein kleines Stück zurück zum Park Na Skalce. Der Teich im oberen Teil wirkt ein wenig wie ein Gehege in einem Zoo. Wo sind die Tiere?

Und dann geht es wieder zurück in Richtung Anděl.

Wer auf Tschechisch noch mehr über die Malvazinky nachlesen will, dem seien diese Seiten empfohlen.

Zeige 2 Fußnoten
  1. Laut Malvazinky v pohybu gehörte es dem Kleinseitener Bürger Tomáš Malvazín.
  2. Hier gibt es auch „Sekana“, den tschechischen Leberkäse, der allerdings anders als die bayrische Variante mehr in Richtung Frikadelle geht.

Christoph Amthor

Erster länger Aufenthalt in Tschechien im Jahr 1997. Seit 2003 wohnhaft zumeist in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger, Software-Entwickler.

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Über dieses Land, das einfach liebenswert, aber oft auch geheimnisvoll und extrem verrückt ist, gibt es wirklich genug zu erzählen. Und natürlich kann man darüber nur mit einer guten Portion böhmischen Humors schreiben.