Gröbes Grotte und ein Streifzug durch Vršovice

Vršovice

Klavier und Büchervitrine im Park „Heraldovy sady“.

Es ist erstaunlich, wie wenig Touristen in Prag auf die Idee kommen, einmal die Gegend hinter der Magistrale und dem Bahnhof zu erkunden. Meistens bewegen sie sich auf der Achse zwischen dem Nationalmuseum, dem Altstädter Ring, der Karlsbrücke und hinauf auf den Hradschin.

Wer sich die Mühe macht, die „Must See“-Listen und die Geheimtipps der großen Zeitungen zu lesen, der kommt schon um eine Stufe weiter. Traditionell ist das etwa Vinohrady, wo bereits seit den 90ern unzählige Expats hängen blieben und ihre Devisen in Kneipen und Immobilien ausgaben. Aus den Vinohrady wurde ein gesetztes, fast schon englischsprachiges und oft unbezahlbares Viertel, und die Zone, in denen Neues entdeckt und ausprobiert wurde, zog um eine Adresse weiter: Im Norden nach Karlín, im Osten nach Žižkov und im Süden nach Vršovice.

Ehemals sehr heruntergekommene und oft nicht sichere Gegenden wurden zunehmend zu beliebten Ausgehvierteln, in denen sich billig auf viel Raum wohnen ließ. Irgendwann ist dann auch hier diese Goldgräberzeit vorüber, die innovativen Projekte und Errungenschaften werden aufgekauft, falls sie nicht schon bankrott sind, oder die Innovateure werden einfach älter und lassen sich einen Bierbauch wachsen.

Havlíčkovy sady, Grotte

Ich habe mich diesmal auf der Südseite umgesehen, im Park Havlíčkovy sady, der sich rund um die Villa des Industriellen Moritz Gröbe, auf Tschechisch „Grébe“, erstreckt, und in den Straßen des östlich daran anschließenden Stadtteils Vršovice. Auch Vršovice schafft es inzwischen in die „Geheimtipps“, allerdings mag es an der schwierigen Aussprache des Namens liegen, dass die große Besucherwelle bislang noch ausgeblieben ist.

Havlíčkovy sady

vereinfacht gesagt: oben Vinohrady, unten Vršovice

Mein Weg beginnt bei der Haltestelle Krymská, wo mehrere Linien nach Vršovice hinab fahren. Hier ist die Atmosphäre schon merklich anders als weiter oben bei I.P. Pavlova1 oder Náměstí míru, wo die Metrolinien für einen beständigen Strom an Passanten sorgen. Hier überwiegen noch reine Wohnhäuser, teils in schlechtem baulichem Zustand, und viele Betriebe haben die Rollläden geschlossen. Es ist schwer zu sagen, welche Lokale erst abends öffnen und welche bereits eingegangen sind.

Plakate an Cafés und Lokalen erinnern die Besucher daran, dass sie sich in einem Wohngebiet befinden, also mögen sie draußen leise sein und keine Kippen hinterlassen. Die Straßen wirken ruhig und beschaulich und die Kneipen etwas verträumt und mit einem Hauch von Bio. Hier sind weder billig angereiste Saufgruppen noch aufgekratzte Autonome zu finden.

Moritz Gröbe (1828-1891)

Moritz Gröbe (1828-1891)

Die Havlíčkovy sady sind gut an der Umfassungsmauer und an dem beträchtlichen Höhenunterschied zu erkennen, den sie überspannen. Dieser Park wurde an einem Hang angelegt, der heute noch zum Teil von Weinreben bedeckt wird.

Vom oben liegenden Haupteingang kommend, treffe ich gleich auf die  Neorenaissance-Villa von Moritz Gröbe, einem Industriellen sächsischer Herkunft.2 Neben der „Grébovka“ steht ein Pavillon, in dem sich ein Café befindet. In der Villa residiert nun das CEELI Institut.

Der Park ist voller Spaziergänger und Jugendlicher, die den Beginn der Sommerferien genießen. An der Mauer über dem Weinstock, von wo aus man einen herrlichen Ausblick über das Tal genießt, schießt jemand Fotos mit einem Selfie-Stick3 und zwischen den Bäumen erscheint immer wieder eine ausgelassene Hochzeitsgesellschaft, auf der Suche nach dem idealen Fotohintergrund.

Havlíčkovy sady

Blick ins Tal des Flüsschens Botič

 

Havlíčkovy sady, GrotteNordöstlich von Gröbes Villa finde ich die künstliche Grotte mit ihrem Springbrunnen, den eine Neptunstatue ziert. Eigentlich ist es mehr als eine Grotte, sondern ein mehrstöckiger Aufbau. Unten beginnt er mit einem Bogengang und wirkt nach oben hin zunehmend wie vulkanisches Gestein, das mit Treppen und Wegen durchzogen ist. In dem Gestein gibt es mehrere kleine Räume.

Mich erinnert die Anlage ein wenig an die künstlichen Felsen in Zoos, und tatsächlich treffe ich in einer der Höhlen auf drei verschreckte Jugendliche, die mit ihren Zigarren völlig überfordert sind.

In einem Bogen gehe ich um den Weingarten herum und verlasse den Park am unteren östlichen Ende.

Vor den Toren des Parks beginnt das Viertel Vršovice, und dessen Straßen und Parks eignen sich hervorragend zum ziellosen Umherstreifen. Besonders zu empfehlen sind:

  • Das Gebäude der Česká spořitelna (Sparkasse) am Vršovické náměstí 8, gegenüber des „Vršovicker Schlösschens“ (Haltestelle Vršovické náměstí). Der Eingang wird von zwei Säulen flankiert, auf denen Greifvögel sitzen. Sehenswert ist die imposante Schalterhalle im Sezessionsstil.
  • Jenseits des „Schlösschens“ liegt sodann der Park Heraldovy sady, in dem als Kuriosum ein Klavier und eine Büchervitrine stehen.
  • Die Straße Kodaňská („Kopenhagenstraße“) sowie ihre Seitenstraßen lohnen sich für Promenaden. Hier reiht sich ein prächtiges Haus ans andere, und zudem gibt es hier viele Cafés und Restaurants.
  • Den Verlauf des Botič habe ich bereits in einem anderen Beitrag beschrieben. Er fließt unterhalb der Havlíčkovy sady vorüber. Bis auf wenige Strecken kann man gut am Ufer entlang gehen.

 

Zeige 3 Fußnoten

  1. …, das sich über- und unterirdisch (auch in Schnellrestaurants) zum berüchtigten Mekka der Taschendiebe entwickelt hat.
  2. Geboren am 14.9.1828 in Kahla im damaligen Herzogtum Sachsen-Altenburg und gestorben am 5.3.1891 in Prag, nach zehn Jahren schwerer Krankheit
  3. Das sei hier aus dokumentarischen Gründen erwähnt. Ich bin überzeugt davon, dass diese Dinger so schnell wieder aus dem Alltag verschwinden wie Plateauschuhe, Klapphandies und Tamagotchi.
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  • Christoph Amthor

    Erster länger Aufenthalt in Tschechien in 1997. Seitdem zumeist wohnhaft in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger.

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