Entlang der Brusnice: Vom Kloster Břevnov bis zum Hirschgraben

Die Brusnice in BřevnovDie Brusnice ist ein sehr kleiner und unscheinbarer Wasserlauf, der im westlichen Stadtgebiet entspringt und in die Moldau mündet, insofern er nicht unterwegs bereits vertrocknet ist. Trotzdem ist sie von gewisser historischer Bedeutung, und zwar aus den folgenden drei Gründen:

  1. An ihrer Quelle ist das Kloster Břevnov entstanden.
  2. Unterwegs speist sie wichtige Teiche wie denjenigen beim Schloss Kajetánka, wo die Theatiner residierten.
  3. Ohne sie gäbe es keinen Hirschgraben, also auch kein nördliche Burgbefestigung und vermutlich auch kein Goldmachergässchen.

Die Strecke von der Quelle bis zur Mündung ist nicht besonders weit und führt, wen wird es überraschen, größtenteils angenehm bergab. Leider verläuft die Brusnice über weite Strecken hinweg unsichtbar in Rohren. Hin und wieder taucht sie wieder auf.

Der Weg ist zwar in einem Stück zu schaffen, allerdings habe ich zwei Anläufe gebraucht, da ich am Oberen Hirschgraben zunächst unerwartet vor einem verschlossenen Tor stand: Der Park war für mehrere Tage gesperrt. Die Route ist beileibe nicht in allen Abschnitten attraktiv für Fußgänger, allerdings lassen sich die paar Strecken entlang der Straßen durchaus verkraften. Es wäre jedoch auch denkbar, ein Stück auszulassen und etwa vom Kloster mit der Straßenbahnlinie 25 bis zur Haltestelle Hládkov zu fahren, um dann mit dem Park weiter zu machen. Zudem kann man sich das letzte Stück hinter dem Hirschgraben schenken.

Die Quelle im Kloster Břevnov

Kloster Břevnov

Die beruhigende Nachricht, dass am angegebenen Datum in diesem Haus anscheinend nichts passiert ist.

Mein Spaziergang beginnt beim Benediktinerkloster Břevnov. Dort nämlich entspringt die Brusnice. Östlich des Klosterareals finden sich zwei Teiche, die aus drei Quellen gespeist werden, von denen aber offenbar nur zwei wirklich aktiv sind.

Um die Hauptquelle zu sehen, muss ich in das umfriedete Kloster eintreten. Links an der Kirche St. Margarete vorbei gelange ich in den Klostergarten.1 Dort sehe ich bereits links neben dem Weg ein zweigeschossiges Gebäude, den Pavillon Voijtěška. Durch die Fenster habe ich einen guten Blick auf die eingefasste Quelle.

Der Legende nach haben sich an dieser Stelle der Heilige Adalbert und der Herzog Boleslav II. getroffen, beide einem Traum folgend. Sie fanden die Quelle und legten sie hier den Grundstein für das Kloster.

Von dem Wasser hat auch die Klosterbrauerei profitiert. Heute jedoch ist der Wasserertrag nur sehr gering – es reicht für zwei schmale Bächlein, die hinter dem Kloster hervortreten.

Kapelle in Břevnov

Kapelle bei der Anastázova Straße

 

Das Bächlein erweckt zunächst den Eindruck, als befände man sich irgendwo draußen vor der Stadt. Nach kurzer Strecke jedoch verschwindet es in einem Rohr.

Nun führt der Weg die Patočka Straße entlang, die ich zum Glück zumeist vermeiden kann, indem ich auf ruhigere Seitenstraßen ausweiche.

Schließlich erscheint die Brusnice wieder als Zufluss eines Teiches an dem schmaleren Arm der Radimova Straße.

An der Grenze zu Střešovice

Es folgen drei Teiche, zwischen denen das Wasser zum Teil sogar oberirdisch fließt.

Die Kapelle der Heiligen Maria ist eigentlich der Rest einer Kirche, die derjenigen in Altötting nachempfunden war und dem Orden der Theatiner (im Volksmund „Kajetaner“) gehörte. Der Großteil wurde bei der Errichtung des Parks um das Schlösschen Kajetánka abgerissen.

Irgendwo vor dem Straßenknoten betrete ich das Viertel Střešovice. Der letzte der drei Teiche wirkt bereits wie ein Rückstaubecken. Die nahen Schnellstraßen beherrschen die Umgebung. Etwa 500 Meter weiter, hinter der Haltestelle Hládkov, taucht die Brusnice im Park „Max van der Stoel“ wieder auf – als Teil eines Spielplatzes: erstaunlich verjüngt, mit Staustufen und einem Wasserrad.

Hinab in die Neue Welt

Prag Neue Welt

Hinab zur „Neuen Welt“

Hinter dem Park gehe ich links hinauf, um den Befestigungswall herum und überquere die Schienen und die Straße. Gleich dahinter führt eine Treppe nach rechts hinab. Von hier oben habe ich bereits einen herrlichen Blick auf die Prager Burg.

Unten treffe ich auf einen Straßenzug, der Nový Svět heißt. An einer Mauer sind noch Teile des deutschen Namens zu sehen: Neuweltgasse. Dieses relativ kurze Stück ist sehr fotogen, und das beginnt gleich mit dem Holzgebäude, in dem sich nun das malerische Hotel U Raka befindet.

Prag Neuweltgasse Café Nový Svět

Rückwärtiger Balkon des Cafés Nový Svět

Nur ein paar Häuser weiter befindet sich das Café Nový Svět, das ich aus eigener Erfahrung empfehlen kann. Sowohl der Innenraum als auch der rückwärtige Balkon sind wirklich schön hergerichtet. Allerdings muss man sich darauf einstellen, dass dieser Ort bei Touristen durchaus beliebt und zu Stoßzeiten nur schwer ein Platz zu ergattern ist.

Der Weg führt dann einfach die Gasse entlang und am Ende ein Stück nach links versetzt weiter, wo sich gegenüber der Eingang zum Hirschgraben (Jelení příkop) befindet.

 

Der Hirschgraben

Der Hirschgraben ist ein weiterer Höhepunkt der Strecke und offenbart wiederum einen völlig anderen Charakter als die vorangegangenen Abschnitte. Die Brusnice hat hier ein Tal geschaffen, das der Burg als natürliche Befestigung gedient hat. Das Tal besteht aus zwei Teilen, die durch den Wall mit der nördlichen Zufahrt zur Burg („U Prašného mostu“) getrennt werden. Beide Teile sind an mehreren Stellen zugänglich.

Gerade der Zugang an beiden Enden über hölzerne Stege trägt erheblich zu dem Gefühl bei, in eine eigene, dichte Welt hinab zu tauchen. Das Tal wirkt wie ein abgeschiedener Park, an dessen Rändern jedoch hoch oben zwischen den Bäumen immer wieder die Gebäude der Burg durchscheinen.

Der Obere Hirschgraben

Von der „Neuen Welt“ kommend steige ich einen geschwungenen Holzsteg hinab. Die Brusnice tritt unten hinter dem Tennisplatz hervor.

Auf Abwegen

Der Hirschgraben ist von einer Vielzahl von Zugängen aus erreichbar. Die wichtigsten Wege sind auf den üblichen Karten verzeichnet. Nicht eingezeichnet ist ein schmaler und halbwegs befestigter Pfad, der von der Verbindung zwischen „U Prašného mostu“ und der Orangerie abzweigt und in den Unteren Hirschgraben hinab führt. Ich erwähne ihn, weil man oben am Rand einen hervorragenden Blick auf den Hradschin mit dem Dom hat.2 Direkt in der Burg ist es immer schwierig, den gesamten Dom auf ein Bild zu bekommen.

Gegenüber von der Löwenquelle im Oberen Hirschgraben gelangt man auf einen schwer auffindbaren Pfad, der im Zickzack den Nordhang hinauf zu einer Terrasse führt. Dieser Aussichtspunkt ist nach dem ersten tschechoslowakischen Präsidenten Masaryk benannt. Der Weg hinauf lohnt sich wegen des schönen Blicks auf die Burg. Zu dieser Terrasse kommt man nur aus dem Tal.

Ein Tunnel als visuelles Erlebnis

Ein Fußgängertunnel verbindet den Oberen mit dem Unteren Hirschgraben. Dieser Tunnel ist nicht einfach nur ein befestigter Durchgang, sondern entfaltet durch die ovale Form, die Struktur der Steine und die Kombination der Materialien eine tolle Atmosphäre. Das Wasser fließt dabei unter einem Gitter, das die eine Hälfte des Bodens überdeckt. Die Passage durch den Tunnel würde ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.

 

Der Untere Hirschgraben

Der untere Teil des Hirschgrabens ist erstaunlicherweise sehr viel belebter, so als scheuten die Menschen den Weg durch den Tunnel.

Hier endlich kann ich mein Zitat aus Gustav Meyrincks „Golem“ anbringen – ein Buch das meine Erwartungen an den Hirschgraben geprägt hat, lange bevor ich noch Prag gesehen hatte:

Man nennt es ›die Mauer zur letzten Laterne‹. Wer bei Tag hinaufgeht, sieht dort nur einen großen, grauen Stein, – dahinter stürzt es jäh ab in die Tiefe in den Hirschgraben, und Sie können von Glück sagen, Pernath, daß Sie keinen Schritt weiter gemacht haben: Sie wären unfehlbar hinuntergefallen und hätten sämtliche Knochen gebrochen.

Heutzutage macht der Hirschgraben jedoch einen sehr sicheren Eindruck.

Mein Weg entlang der Brusnice trifft hier auf ein Rätsel: Unterwegs verschwindet das muntere Bächlein – niemand weiß wohin. Eine Metapher für öffentliche Gelder, direkt unter der Burg? Fortan folge ich einem leeren Trog, der bald unter der Straße verschwindet.

Das letzte Stück zur Moldau

Von der Brusnice ist nichts mehr zu sehen. Der gestrichelten Linie auf der Karte nach zu deuten verläuft der Bach unter dem Felsen, auf dem oben die Residenz des tschechischen Premiers thront. Dieser bauliche Aufwand für das bisschen Wasser erscheint mir jedoch unwahrscheinlich.

Am Fluss zeigt ein vergitterter Tunnel, wo etwa die Brusnice hervortreten könnte. Geblieben ist von ihr ohnehin nicht viel.

Moldau mit dem vergitterten Auslass

Das unspektakuläre Ende eines verlorenen Bächleins.

Zeige 2 Fußnoten

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  2. Fotografen seien jedoch daran erinnert, dass man um den Mittag herum geradewegs in die Sonne blickt.
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  • Christoph Amthor

    Erster länger Aufenthalt in Tschechien im Jahr 1997. Seit 2003 wohnhaft zumeist in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger, Software-Entwickler.

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