Ein zerfallender Gigant: Das Stadion von Strahov

Hinter dem Petřín, dem Laurenziberg, mit seinem Mini-Eifelturm, erhebt sich ein riesiges Gebäude: Das Stadion von Strahov. Als Stadion wird es jedoch nicht mehr genutzt. Dazu ist allein schon der Zustand viel zu schlecht. Vielmehr ist es eine städtebauliche Narbe, die an vergangene Zeiten erinnert.

Strahov-Stadion in Prag

In dem Stadion hatte einmal bis zu einer Viertelmillion Zuschauer Platz gefunden. Es wurde 1926 begonnen und später mit Betontribünen nachgerüstet. Berühmt geworden ist es vor allem als Schauplatz für Massensportveranstaltungen: zunächst diejenigen der Sokol-Bewegung, und während der Zeit der ČSSR die Spartakiaden mit bis zu zehntausend Sportlern.

 

Dieses Schauspiel mag bei vielen damaligen Mitwirkenden noch sentimentale Gefühle hervorrufen, mich jedoch lassen diese Bilder erschaudern, wie dort Menschen in eine riesige Maschine verwandelt werden und solchermaßen nur noch austauschbare Elemente einer fügsamen Masse sind. Hier wird der Sieg des Gehorsams über die Individualität, der Vereinheitlichung über die Vielfalt und der Disziplin über das Denken und Fühlen zelebriert.

Die Fläche macht das Stadion in Strahov zu einem der größten der Welt, auch wenn moderne Stadien oft höher sind. Der Mittelbereich wird nun für 7 Fußballfelder und 1 Minifußballfeld genutzt, zudem steht hier ein Gebäude des Vereins Sparta. Unter den Tribünen befinden sich Fitnessstudios und andere kleine Firmen.

Das ganze Bauwerk wirkt heute baufällig, und fast möchte ich sagen: gebrechlich. Die ausladende Weite des Innenraums lässt die Tribünen ringsum klein erscheinen. Hier wurde einfach ein großes, flaches Feld gebraucht, um das eine Umfassung gezogen wurde. Dieser Ort ist wie geschaffen für das zivile Äquivalent von Militärparaden.

 

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📖 Leseprobe

Christoph Amthor

Erster länger Aufenthalt in Tschechien im Jahr 1997. Seit 2003 wohnhaft zumeist in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger, Software-Entwickler.

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Von einer atemberaubenden Landschaft, über Bier und Knödel bis hin zu Kafka, dem Golem und einem Geist, der eine wissenschaftliche Karriere gemacht hat. Vom Fliegenden Ferdinand und Pan Tau bis zur Lässigkeit, mit der dort ein Fabrikschornstein gefällt wird.

 

Über dieses Land, das einfach liebenswert, aber oft auch geheimnisvoll und extrem verrückt ist, gibt es wirklich genug zu erzählen. Und natürlich kann man darüber nur mit einer guten Portion böhmischen Humors schreiben.