Ein Büro in einem Aufzug

Wir sind es längst gewohnt, auch im Zug oder Flugzeug zu arbeiten – den Laptop auf dem Schoß und einen Kaffee auf dem Ausklapptischchen. Aber in einem Aufzug? In einem mobilen Büro mit Tischen, Weltkarte, Telefonen und Waschbecken, zwischen dem Erdgeschoss und dem 16. Stockwerk?

Der Aufzug misst 6 mal 6 Meter.

Der Aufzug misst 6 mal 6 Meter.

Zu einem der kuriosesten technischen Denkmäler in der Tschechischen Republik gehört ohne Zweifel das Ein-Zimmer-Büro im früheren Hauptsitz des Schuhimperiums Baťa in der mährischen Stadt Zlín. Der Raum verfügt über ein Telefon, eine Klimaanlage, sowie über ein Waschbecken mit funktionierendem Kalt- und Warmwasser, und nicht zu vergessen einem Wasserabfluss.

Im Aufzug befindet sich ein voll funktionsfähiges Waschbecken.

Im Aufzug befindet sich ein voll funktionsfähiges Waschbecken.

Dieser Aufzug befindet sich in dem Gebäude mit der Nummer „21“, in dem heute die Bezirksverwaltung und das Finanzamt ihren Sitz haben. Er ist auch an Wochenenden zu besichtigen, allerdings darf man nur hinein blicken und keineswegs eintreten. Geführte Besichtigungen sind allerdings möglich. Der Zugang befindet sich auf der Gebäuderückseite, wo ursprünglich der Haupteingang vom Fabrikgelände her war.

Das von 1936 bis 1938 errichtete Gebäude galt damals mit seinen 17 Stockwerken und einer Höhe von 77,5 Metern als Wolkenkratzer – zumindest für europäische Maßstäbe, denn in Amerika stand schon wesentlich Höheres. Der Firmenleiter Jan Antonín Baťa – Stiefbruder des berühmten Unternehmers Tomáš Baťa, der 1932 tragisch bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war – konnte den neuen Firmenhauptsitz jedoch nicht lange genießen. Im Jahr 1939 floh er ins Exil und ließ sich schließlich in Brasilien nieder.

Über den Aufzug wurde gemunkelt, dass er der Überwachung der Angestellten diente. Dieses Gerücht ist allerdings leicht zu widerlegen, da von seiner Position aus keine Büros einzusehen sind.

Neben dem Aufzug gibt es auf der Aussichtsterrasse noch eine zweite Besonderheit zu bewundern: Außen verlaufen rund um das Gebäude Schienen, an denen eine elektrisch betriebene Gondel hing: Diese diente zur Fensterreinigung, da die Fenster wegen der Klimatisierung nicht zu öffnen sind. Magnete hielten die Gondel dicht am Gebäude. Heute stellen diese Gondeln keine große Besonderheit mehr dar, damals aber war sie in Europa ein kleines Wunder.

Zlín – Bezirksstadt hinter Otrokovice

typische Gartensiedlung in Zlín

typische Gartensiedlung

Nach Zlín zu gelangen ist nicht ganz einfach, obwohl es sich um eine Bezirksstadt handelt, die zudem eine überregionale Bedeutung als Industriedenkmal genießt. Per Bahn und mit dem Auto fährt man zumeist über Otrokovice, einem kleinen, vorgelagerten Ort, der dadurch den erstaunlichen Rang eines Verkehrsknotenpunktes erlangt.

Neben den Fernzügen der Tschechischen Bahn hält hier auch der etwas luxuriösere und schnellere Leo Express. Den Rest der Strecke schafft man entweder per Schienentriebwagen bis nach Zlín Střed (einer Art Hauptbahnhof) oder mit dem „Trolejbus“, einem Oberleitungsbus, für den man die Fahrkarten am Bahnhofskiosk oder aus dem Automaten bekommt. Daneben bringt einen die Student Agency in einer Kombination aus Zügen und Bussen über Olomouc (Olmütz) bis direkt bis zum zentralen Busbahnhof.

In Zlín ankommend sieht man sofort, dass Tomáš Baťa der Stadt sehr sichtbar seinen Stempel aufgedrückt hat: Westlich des Zentrums stehen riesige Fabrikhallen aus rotem Backstein, und unzählige kleine rote Häuschen ziehen sich an mehreren Seiten die Hänge hinauf. Diese Unterkünfte waren einst für die Angestellten der Fabrik gebaut worden, und jede besitzt ihren eigenen Garten. Da die Gebäude nun unter Denkmalschutz stehen, müssen die jetzigen Bewohner das Problem lösen, wie eine zeitgemäße Wärmedämmung möglich ist, ohne den ohnehin schon kleinen Innenraum noch weiter zu verringern. Denn die Auflagen verlangen, dass die typische Außenansicht nicht verändert werden darf.

Blick auf die westliche Stadt Zlín

Blick auf die westliche Stadt

Zlín gehört für mich nicht zu den schöneren Städten des Landes: Verkehrsreiche Einfallstraßen machen auch vor dem Zentrum nicht halt, moderne Gewerbeflächen grenzen an leerstehende historische Fabrikgebäude, und hinter den gesichtslosen Einkaufszentren verbirgt sich so manches Spiellokal. Zumindest bestehen aber sichtbare Bestrebungen, durch schön angelegte Parks, Bauernmärkte und Cafés mit Freiflächen einen anderen Akzent zu setzen.

Trotz vieler Schönheitsfehler ist mir Zlín dennoch sympathisch. Die Stadt ist mir immer eine Spur anspruchsvoller und positiver als viele andere erschienen. Vielleicht ist dies noch dem unternehmerischen Geist der Vergangenheit zu verdanken.

 

 

Empfehlung

Günstige Unterkünfte sind oft nicht einfach zu finden in Zlín. Falls ich nicht privat übernachte, wähle ich zumeist das Hostel Duo. Es bietet jedoch zu dem Preis nicht viele Extras.

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  • Christoph Amthor

    Erster länger Aufenthalt in Tschechien im Jahr 1997. Seit 2003 wohnhaft zumeist in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger, Software-Entwickler.

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