Dinge des Alltags: nech sa páčí

Der Fremdsprachenerwerb geht bei mir so langsam, dass ich mein Leben nach den Sprachen unterteilen könnte, mit denen ich mich jahrelang abgemüht hatte. Natürlich erreiche ich nie den Punkt, an dem eine Fremdsprache völlig abgeschlossen wäre und ich sie so sicher besäße wie eine implantierte dritte Niere. Eigentlich reicht es bereits, dass ich eine Sprache für ein paar Wochen nicht aktiv verwende, und schon suchen die Wörter das Weite. Sprachen, die früher nur Nachbarn waren und sich hin und wieder über den Zaun hinweg gegrüßt hatten, leben nun in wilder Partnerschaft zusammen und zeugen Mischwesen babylonischer Ausmaße. Denn Fremdsprachen nehmen es einem sehr übel, wenn man sich nicht ständig um sie kümmert. Sie werden untreu.

tschechisches Bilder-Wörterbuch

Als ich das erste Mal in Prag gewohnt hatte, lebte ich noch mit dem Gefühl, bei jedem Satz die Seiten eines verinnerlichten Lehrbuches durchzublättern. Dabei ging es darum, geistig so schnell zu blättern, dass ich die Antwort auf eine Frage formuliert hatte, bevor noch der Fragende weggegangen war, weil er heute noch etwas anderes zu tun hatte. Schließlich hatte ich auch diesen Punkt überwunden und mir gelang die direkte Verbindung vom Ding zum Wort (ohne Umweg über das Deutsche) und vom Gedanken zum Satz.

Ich fand mich damit ab, dass ich, während ich noch sprach, bereits merkte, dass es grammatikalisch völlig falsch war. Ich kannte die Regel und hätte den Satz in der Prüfung richtig zusammen bekommen, aber trotzdem sprach ich ihn falsch. Ich nahm mir vor, es das nächste Mal richtig zu sagen, und wieder wurde es falsch. Es konnte nicht anders sein, als dass sich der Geist eines bösartigen Linguisten in meinem Kopf eingenistet hatte, um dort hämisch grinsend meine Zunge zu umklammern. Das einzige, was hier half, war das alte tschechische Universalheilmittel: Bier. Denn Bier löst die Zunge. Was dann die gelöste Zunge anstellt, das ist eine andere Frage, aber zumindest ist man den Plagegeist los.

Begegnung der anderen Art

Während ich mit den Jahren merkte, dass ich das Tschechische zunehmend intuitiv verwenden konnte, mehrten sich jedoch ganz seltsame Erfahrungen, die mich völlig aus der Bahn warfen. Zuweilen traf ich nämlich auf Menschen, wo plötzlich mein sprachlicher Motor von selbst in den Leerlauf schaltete, und es ging nichts mehr. Es war so merkwürdig, als wäre das Tschechische auf einmal ein ganz anderes Tschechisch geworden, nur um dann Minuten später wieder in das frühere Tschechisch zurück zu schalten.

Was war hier passiert?

cold snow wood landscape

Ganz einfach: Ich hatte die Bekanntschaft mit dem Slowakischen gemacht. Slowakisch ist eine seltsame Sache. Aus dem Blickwinkel des Slowakischen ist natürlich das Tschechische eine seltsame Sache. Es klingt, als würden Vokale ausgewechselt, Regeln begradigt und Worte klingen auf einmal ganz drollig. Ein zünftiger Bierstubenausdruck hat nun das melodische Klingen Wiener Kaffeehäuser angenommen und oft überlege ich, ob ich mich vielleicht einfach nur verhört habe.

Zuweilen sind die Unterschiede lächerlich gering. Statt „ano“ heißt es nun „áno“, mit langem A. Das klingt einfach danach, dass sich jemand mehr Zeit beim Sprechen lässt: „Jaaaaa, so wird es wohl sein“. Anders ist es etwa beim Wort „empfehlen“. Im Tschechischen „doporučit“, im Slowakischen „odporúčať“. „Do“ (hin) und „od“ (weg) sind für mich einfach zwei verschiedene Richtungen. Es wirkt auf mich, wie wenn jemand „ja“ sagt und dabei den Kopf schüttelt.

Gerade in der Gastronomie und an Supermarktkassen hört man oft Slowakisch. „Nech sa páčí“ („bitte sehr“) oder „do videnia“ („auf Wiedersehen“) gehören hier zum Grundvokabular. Antworten können Sie etwa mit „ďakujem“ („danke“).

In welcher Sprache also unterhalten sich Tschechen und Slowaken miteinander? Ganz einfach, jeder benutzt ganz ungerührt die eigene Sprache.

Die Nähe dieser beiden Sprachen ermöglicht es, im anderen Land zu arbeiten oder zu studieren. Zu jeder Konferenz in Prag oder Brünn gehört somit auch mindestens ein Vortragender, der ohne Vorwarnung plötzlich auf Slowakisch loslegt. Da hilft kein noch so schnelles Blättern im inneren Wörterbuch, sondern einfach nur zurücklehnen, die Augen schließen, dreimal tief ein- und wieder ausatmen, und dann lässt man die Sprache direkt in die unteren Schichten seines Bewusstseins dringen.

Während nämlich das auf Hochleistung trainierte Sprachzentrum des Gehirns an der verdrehten Grammatik heißlaufen würde, ist man in diesem tranceartigen Zustand, der sich widerstandslos den Weiten des Universums öffnet, überraschend gut in der Lage, das Slowakische zu verstehen.

In dem Sinne: ďakujem und do videnia.


Dies ist ein Beitrag aus der Serie Dinge des Alltags. Worum es dabei geht, ist hier zu lesen.

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Foto des Berges von David Jusko, Pexels.com

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Christoph Amthor

Erster länger Aufenthalt in Tschechien im Jahr 1997. Seit 2003 wohnhaft zumeist in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Ehemals Journalist und Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, heute Blogger und Software-Entwickler.

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Von einer atemberaubenden Landschaft, über Bier und Knödel bis hin zu Kafka, dem Golem und einem Geist, der eine wissenschaftliche Karriere gemacht hat. Vom Fliegenden Ferdinand  und Pan Tau bis zur Lässigkeit, mit der dort ein Fabrikschornstein gefällt wird.

 

Über dieses Land, das einfach liebenswert, aber oft auch geheimnisvoll und extrem verrückt ist, gibt es wirklich genug zu erzählen. Und natürlich kann man darüber nur mit einer guten Portion böhmischen Humors schreiben.