Der Bunker 10-Z in Brünn (Brno)

Brünn (Brno)

Nichts für’s Wohnzimmer: Massive Standuhr auf dem Náměstí Svobody.

Nach vielen Jahren bin ich wieder in Brünn gewesen. Da ich hier vor über zehn Jahren immer mal wieder für ein paar Wochen oder Monate gewohnt hatte, ist es für mich auch eine Reise in die Vergangenheit. Die Stadt hat sich merklich entwickelt, vor allem seit den 90ern, als sie zuweilen etwas provinziell und vernachlässigt wirkte, aber dennoch voller engagierter Leute war, die Ideen hatten und etwas bewegen wollten.

Inzwischen scheinen diese kreativen Unternehmer ihre Pläne in die Tat umgesetzt zu haben: Das reicht von Gastronomie über Architektur bis hin zu Projekten wie dem Bunker 10-Z, der vor etwas über einem Jahr der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

 

Luftschutz, Weinlager und Tauschbörse

Bunker 10-Z in Brünn (Brno)Der Bunker mit dem Code-Namen „10-Z“ wurde noch zu Protektoratszeiten als Luftschutzbunker gebaut und genutzt. Von 1946 bis 1948 befand sich hier ein Weingroßhandel namens „Löwy a Šmíd“, der allerdings bereits zwei Tage nach der kommunistischen Machtübernahme konfisziert wurde.

Während des Kalten Krieges dienten die Räume sodann als Atombunker, um im Fall eines Atomkriegs „Schlüsselfiguren“ der Stadt und Region zu schützen. Aus dieser Zeit stammt die Bezeichnung „10-Z“. Bis zu 6001 Personen konnten hier Platz finden, die bei einem Ausfall der Ventilation Luft für immerhin etwa 2-4 Stunden hatten.

Die Gesamtlänge der Gänge beträgt etwa 600 m, die Gesamtfläche der 65 Räume beläuft sich auf 1500 m². Neben einem Generator und einer Luftfilteranlage befand sich hier zudem ein Wasserreservoir von 50 m³.

Bis 19932 wurde dieser Bunker als militärisches Geheimnis eingestuft.

Ankunft in der Gegenwart

Bunker 10-Z in Brünn (Brno)Nach langer Zeit des Vorsichhinmoderns ist der Bunker 10-Z gelüftet, entrümpelt und hergerichtet worden und ist nun als Ausstellung zugänglich. Zum einen werden hier die technischen Anlagen und Räume erklärt, daneben aber auch die frühere Atmosphäre aus verschiedenen Zeiten mit zumeist originalgetreuer Ausstattung hervorgerufen. Statt des Weinlagers befindet sich am Ende eine Milchbar. Hin und wieder erweckt die Dekoration fast schon den Eindruck eines künstlerischen Installation. Über dem Eingang thront ein spiegelverkehrtes „VPŘED!“, also „Vorwärts!“, mit dem sich das Projekt klar von den Parolen totalitärer Regime distanziert.

Ohne Führung sieht der Besucher nur einen begrenzten Teil der Anlagen, so etwa die Luftfilteranlage, die Kommunikationszentrale und einige Gänge und Räume.

An verschiedenen Stationen befinden sich Bildschirme, an denen kurze Dokumentarvideos laufen. Zumeist handelt es sich um Interviews mit Zeitzeugen. Zum Beispiel ist ein Video einer Brünnerin zu sehen, die sich an die Bombardierung Brünns erinnert und diesen Ort voller Erinnerungen noch einmal besucht. Hier und da befinden sich QR-Codes, mit denen man YouTube-Videos auf seinem Handy ansehen kann. Im Bunker hat man zwar kein Mobilfunknetz, allerdings gibt es dort W-Lan (Wi-Fi).

Bunker 10-Z in Brünn (Brno)Der Bunker hängt mit einem anderen Projekt namens RetroUse zusammen, einer Art kostenloser Tauschbörse für alte Dinge, die zu schade zum Wegwerfen sind. Manchmal war mir allerdings beim Betrachten des Sammelsuriums nicht klar, was jetzt ursprünglich in den Bunker gehörte und was nicht.

Insgesamt präsentiert sich der Bunker gewissermaßen eher „unbehandelt“, also weder als ausgefeilte Gedenkstätte oder als didaktisch durchdachtes Museum, noch als eine Art Gruseltour oder Pilgerort für undifferenzierte Militärromantik. Im Grunde muss der Besucher seine Einstellung, mit der er an diese Anlage herantritt, selbst mitbringen.

Adresse

Husova-Straße, gegenüber des Hauses Nr. 12, unterhalb der Festung Spielberg.

Haltestelle

Šilingrovo náměstí

Öffnungszeiten

Täglich außer Montags, 11:30-18:45 (Einlass bis 18:15)

Eintritt

130 Kč, Vergünstigungen für Studenten, Kinder und Senioren

Unterkunft

In dem Bunker 10-Z kann man sogar übernachten! Der Eintritt in die Ausstellung ist dann natürlich mit dabei.

 

… und Cafés in Hülle und Fülle

Brünn (Brno)

Slovanské náměstí

Nach dem unterirdischen folgte der himmlische Teil des Ausflugs. Es ist nicht verwunderlich, dass Brünn aufgrund seiner geografischen Lage immer schon mehr in Richtung Wien ausgerichtet war als Prag. Davon zeugt nicht nur der Versuch, eine Art Ringstraße einzurichten, sondern auch die sehr lebendige Kaffeehauskultur.

Rein zufällig bin ich im Café Spolek auf eine Aufführung der „Kaffeekantate“ als Opernaufführung gestoßen. Veranstaltet wurde sie von der Fakultät für Musik einer Hochschule3. Früher befand sich im Obergeschoss ein Buchladen, heute stehen dort weitere Tische und eine Bar.

 

Abstecher zur Vaňkovka

Nach längeren Fußwegen kreuz und quer durch die Stadt habe ich mir noch die Fait Gallery angesehen, die in einer ehemaligen Fabrik („Vaňkovka“) neben einem Einkaufszentrum zu finden ist, rund 5-10 Minuten südlich des Hauptbahnhofs.4

KultCafe, Brünn (Brno)

„KultCafe“ im Norden der Stadt

Empfehlung

… und unzählige andere.

Zeige 4 Fußnoten

  1. Laut tschechischer Version konnten sich hier 500 Personen bis zu 3 Tage lang aufhalten.
  2. Laut tschechischer Version bis 1989.
  3. „Janáčkova Akademie Muzických Umění v Brně“
  4. Vom HBF einfach durch die etwas 90er-mäßige unterirdische Billig-Shopping-Passage gehen, auf der anderen Seite immer geradeaus auf Straßenniveau hinauf, und dann in der „Galerie Vaňkovka“ auf halbem Weg nach links unten zur Seite hinaus. Besser zu beschreiben ist es nicht – Brünn ist ein Labyrinth, fertig.
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  • Christoph Amthor

    Erster länger Aufenthalt in Tschechien im Jahr 1997. Seit 2003 wohnhaft zumeist in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger.

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