Dampfmaschinen und begehbare Kanäle: Das alte Klärwerk von Prag

Altes Klärwerk von PragUnter unseren Füßen befindet sich ein riesiges Netzwerk aus Rohren und Kanälen, die unser Abwasser entsorgen und die oft so groß sind, dass man darin bequem umhergehen kann. Allerdings ist allein schon die Geruchsbelastung ein Grund, warum sich diese Spaziergänge keiner besonderen Beliebtheit erfreuen. Natürlich sind die Kanäle auch nicht frei zugänglich.

Glücklicherweise muss man in Prag doch nicht ganz auf das faszinierende Erlebnis einer unterirdischen Besichtigung verzichten, denn es gibt hier eine stillgelegte Kläranlage, die „Stará čistírna odpadných vod“, die neben dem Kanal-Ambiente noch mehr zu bieten hat: Dazu zählen vor allem funktionsfähige Dampfmaschinen, die das Herz eines jeden Modellbastlers höher schlagen lassen.

Die beiden großen Dampfmaschinen aus dem Jahr 1903 sind liebevoll in Stand gehalten und geputzt und poliert wie Oldtimer für eine Parade. In Betrieb genommen werden sie allerdings nur für bestimmte Veranstaltungen oder auf Bestellung. Im Nebenraum befindet sich dazu der Heizkessel, wo mit Kohlefeuerung der Dampfdruck erzeugt wird.

Abwasserkanal im Alten Klärwerk, Prag

Hier kommt man nur breitbeinig oder schlingernd voran, wenn man nicht ins Wasser treten will.

Den Höhepunkt der Besichtigung bildet vielleicht der Gang durch einen früheren Kanal mit ovalem Querschnitt, in dem der Besucher zwei Möglichkeiten hat, das Wasser in der Mitte zu vermeiden: entweder breitbeinig im Seemannsschritt, oder zwischen den schrägen Seiten wechselseitig hin und her hüpfend.

Der Lauf des Abwassers

Doch zunächst einmal der Reihe nach. Die Führung folgt im Grunde dem Reinigungsablauf, von der Ankunft des Schmutzwassers bis zu dem Punkt, wo das Wasser sauber genug war, um in die Moldau entlassen werden zu können.

Der unterirdische Teil der Besichtigung führt mich zunächst in den Keller der großen Halle, die den Hauptflügel des Gebäudes ausmacht. Das Abwasser der Stadt betrieb ein heute nicht mehr existierendes Wasserrad, das die Energie für die Ventilation lieferte, bis später auf Elektromotoren umgestellt wurde. An der Decke sind noch Teile der hölzernen Abluftrohre zu sehen, die in einen der beiden Schornsteine führten. Der zweite Kamin des Gebäudes diente Rauchabzug für die Dampfkessel.

 

Altes Klärwerk von Prag - Lüftung

Deckenlüftung

Im Hauptraum des Kellergeschosses – dem größten Raum der Prager Kanalisation – floss das Abwasser aus drei Einlässen zusammen und wurde zunächst einmal gesiebt. Hier wurden „Papier, Blätter und tote Katzen“ entfernt, wie mir Šárka Jiroušková, Pressesprecherin der Betreibergesellschaft, anschaulich erklärt. Dieser Abfall wurde zunächst manuell entfernt, später jedoch von Maschinen, die mit großen Schiebern alle Rückstände einem runden Gitterrost entlang nach oben aus dem Wasser schoben. Diese Abfälle wurde in Loren zu einem Aufzug transportiert, der es auf die Oberfläche hinauf brachte.

Im nächsten Schritt wurde Sand aus dem Wasser abgeschieden. Die so gewonnenen Rückstände wurden nicht weit von hier auf einer Flussinsel (Císařský ostrov) zur Nivellierung des Bodens verwendet. Abschließend gelangte das Wasser in geräumige Absetzbecken, wo alle verbleibenden Partikel, die schwerer als Wasser sind, abgesondert wurden, bevor das Wasser in die Moldau gelangte.

 

Von der Innovation zum Industrieerbe

Altes Klärwerk von Prag - AußenanlagenDies alles gehört jedoch bereits der Vergangenheit an.

Die „Alte Kläranlage“ wurde in den Jahren 1901 bis 1905 errichtet und bildete den Abschluss des Abwassernetzes, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde und bis heute intakt ist. Die Reinigung geschah mit rein mechanischen Methoden. Die technische Planung stammte weitgehend vom britischen Ingenieur Sir William Heerlein Lindley. Bis zum Jahr 1967 wurde die Anlage noch genutzt, dann wurde ein moderneres Klärwerk unweit des alten Geländes in Betrieb genommen.

Im Jahr 2010 erhielt das Werk den Titel eines Nationalen Kulturgutes verliehen und wird zudem als Europäisches Industriedenkmal anerkannt. Dafür ist nicht nur eine gewisse Bedeutsamkeit der Anlage erforderlich, sondern auch die professionelle Instandhaltung und Präsentation für die Öffentlichkeit.

 

Informationen für Besucher

Altes Klärwerk von Prag - rückwärtiger HofDas Alte Klärwerk kann nur mit Führungen besucht werden, die etwa eine Stunde dauern. Teil der Führungen ist die Begehung der unterirdischen Anlagen. Gummistiefel sind zwar nicht notwendig, allerdings sollte man festes Schuhwerk tragen, da es an einigen Stellen feucht ist. Natürlich handelt es sich bei dem Wasser nicht mehr um Abwasser, und von einer Geruchsbelastung ist auf dem ganzen Gelände schon lange nichts mehr zu merken.

Neben regelmäßigen Touren auf Tschechisch werden ganzjährig auch englische und deutsche Führungen angeboten, für die jedoch ein Extra-Termin gebucht werden muss. Es sind zudem auch deutschsprachige Informationsblätter verfügbar, und die Dokumentarfilme haben englische Untertitel.

Altes Klärwerk von Prag - Hof zur Seite hinViermal im Jahr zu besonderen Tagen, wie etwa am Weltwassertag, werden die Dampfmaschinen vorgeführt. Daneben gibt es noch weitere Veranstaltungen und Aktionen, wie etwa die Besteigung eines der Schornsteine am Tag des Sportes oder eine Nikolausfeier in den unterirdischen Gewölben.

In dem historischen Gebäude ist außerdem ein Café untergebracht. Es hat täglich von 10:30 – 17:30 Uhr geöffnet und ist unabhängig vom Museum durch den Seiteneingang zugänglich. Der Raum ist ruhig und nett eingerichtet und allein schon seinen Besuch wert. An den Wänden befinden sich einige historische Fotografien.

Daneben können die Räume auch für Firmenfeiern angemietet werden. Wer das Gebäude, die Maschinen und die unterirdischen Gänge gesehen hat, den verwundert es nicht, dass hier bereits für mehrere Filme gedreht wurde.

Das historische Klärwerk erreicht man in 5 bis 10 Minuten Fußweg von den Haltestelle Nádraží Podbaba (S-Bahn oder Straßenbahn) oder Goetheho (Bus Linie 131). Bei schönem Wetter empfiehlt sich der Spaziergang oder die Radfahrt durch den Park Stromovka, den man einfach bis zu seiner westlichen Spitze durchquert, und dort dann ein Stück in nordwestlicher Richtung. Zudem gibt es in der Umgebung auch kostenfreie Parkplätze.

 

Achtung, bitte vor dem Besuch die Zeiten der Führungen beachten, die zugleich die Öffnungszeiten sind. Nur das Café hat länger geöffnet.

Empfehlung

Als hier Ansässiger brauche ich natürlich selbst kein Hotel. Für Besucher wähle ich zumeist das Hotel „U Červené Židle“ („Beim roten Stuhl“ oder „Red Chair Hotel“), das sehr zentral liegt und mit dem wir immer nur gute Erfahrungen gemacht haben.

 

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  • Christoph Amthor

    Erster länger Aufenthalt in Tschechien im Jahr 1997. Seit 2003 wohnhaft zumeist in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger, Software-Entwickler.

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    1 Antwort

    1. Elisabeth sagt:

      Unglaublich welche interessanten Stellen dem puren Altstadt-Touristen entgehen! Diese Berichte zeigen dem Leser einen völlig anderen Teil von Prag/Tschechien, der nicht weniger schön ist. Danke!

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