Zwei neue Cafés in alten Industriegebäuden

Der Blick auf eine Wand aus groben Ziegelsteinen, Stahlträger, in der Mitte eine Bar, und verstreut im großen Raum niedrige Tischchen, an denen die Hälfte der Gäste am Laptop beschäftigt ist. Cafés und Bars mit Fabrikhallenästhetik – und das Bauwerk möglichst unbehandelt – schießen gerade in den letzten Jahren dort aus dem Boden, wo früher noch ein unscheinbarer Schuppen stand.

Kavárna co hledá jménoStädte wie Prag erleben zur Zeit die Wiederentdeckung urbanen Lebensgefühls. Das Häuschen vor der Stadt verliert an Attraktivität, und zahlreiche neue Wohnungen entstehen auf früheren Brachflächen. Gebiete, die vor hundert Jahren einmal den Stadtrand gebildet hatten, befinden sich nun nahe der Innenstadt, aber dennoch außerhalb des historischen Zentrums und weit genug entfernt vom touristischen Rummel.

Gerade hier stehen viele frühere Industriebauten, deren Bausubstanz nun zunehmend für Projekte genutzt werden, in denen mehrere Funktionen kombiniert werden: Café, Galerie, Theater, Co-Working Space und Räume für Workshops und Veranstaltungen. Einige Beispiele in Prag habe ich bereits beschrieben, so etwa das Bitcoin Café oder, etwas traditioneller, das Café im Klärwerkmuseum. Und auch Pilsen erschließt zahlreiche industrielle Gebäude zum Nutzen der Öffentlichkeit.

Nicht alle dieser Angebote sind jedoch von Dauer. So musste das Kulturprojekt Güterbahnhof Žizkov kürzlich schließen, weil keine Einigung mit dem Vermieter – der Tschechischen Bahn – möglich war.

Zwei junge Unternehmer, die gar nicht mal aus Prag kommen, haben sich mittlerweile mit einer Serie erfolgreicher Revitalisierungsprojekte einen Namen gemacht. Es hatte mit der Kultursportstätte (Kulturní sportovka) angefangen, wonach sie in weiteren Projekten gastronomische Komponenten mit hinzu nahmen.

 

Das Café, das einen Namen suchte

You look always right! Look left!

Spiegelersatz vor den Toiletten

Übersetzt heißt der Name Kavárna co hledá jméno „Café, das einen Namen sucht“. Offenbar ist es fündig geworden. Die Namensgebung verrät bereits so einiges über den unorthodoxen Ort. Der Kellner nimmt die Bestellung in Form eines Entscheidungsbaums auf: Kaffee oder Tee? Mit Milch oder ohne?[Der Cafe Latte ist dabei mit 60 Kč kein Schnäppchen. Im Přístaf, einem meiner Favoriten, etwa kostet er nur 42 Kč.]

Dieses programmatisch sich einer Definition entziehende Café ist in den Räumen einer ehemaligen Tischlerei zu Hause. Bestandteil des Komplexes sind auch eine Galerie, ein Atelier und ein weiterer Raum, der sich mieten lässt. Der Eingang, der nur ein paar Schritte vom südlichen Ausgang der Metrostation Anděl entfernt liegt, ist zunächst etwas schwer zu finden: Man überquert dazu einen kleinen Parkplatz, gleich neben dem Herrenfriseur, bei dem sich bestimmt alle Kellner den Bart frisieren ließen.

Kavárna co hledá jméno

Links der Frisör, rechts die Poliklinik

Über einen Mangel an Besuchern muss sich das Café keine Sorgen machen – die Räume sind voll, und es ist hier sogar durchaus üblich, sich als Fremde einen Tisch zu teilen. Zu manchen Zeiten findet sich nicht einmal draußen mehr ein Sitzplatz.

Leider befindet sich das Café bereits auf der Schwelle zum Massenbetrieb: An meinen Tisch kommt ein junger Tscheche, mit dem ich gemeinsam eine Steckdose für seinen Laptop suche, dann aber erscheint schnellen Schrittes eine englischsprachige Kundin, die sich mit keinem Gruß aufhält, sondern zielbewusst einen Teil des Tisches unter ihre Kontrolle bringt, als befänden wir uns in einem Schnellrestaurant. Das ist der Fluch der „Must-See“ Geheimtipps. Zum Zahlen warte ich einige Zeit an der Theke, bis ich schließlich jemanden finde, dem ich die Münzen in die Hand drücke.

Kavárna co hledá jméno - EingangAdresse

Stroupežnického 10, Prag – Smíchov

Haltestelle

Anděl

Öffnungszeiten

Montag bis Freitag, 8-22 Uhr

 

Vnitroblok

Café im VnitroblokDieses Projekt ist „fungl nágl nový“, wie es auf gut Tschechisch heißt. Der Vnitroblok (Innenblock) ist als eine Passage oder überdachte Straße angelegt. Momentan ist er nur von der Tusarova aus zugänglich, soll aber in Zukunft auch in die gegenüber liegende Dělnická münden. Neben dem Café, das irgendwie auch mit einem Verkauf von Designer-Produkten verbunden ist und deshalb „Signature Store“ heißt, finden sich hier ein Kino und zudem ein Tanzstudio. Zudem arbeitet im Vnitroblok die Redaktion eines neuen Lifestylemagazins namens SOFFA, und nächstes Jahr soll in einem neuen Gebäudeteil eine Theaterbühne hinzukommen.

Der Eingang ist nur zu finden, wenn man die Adresse weiß. Gleich zu Beginn empfängt mich eine der „pop-up kitchen“, also eine Theke, wo Essen zubereitet wird.

Das Ganze hat noch diesen Reiz des Unabgeschlossenen, zu dem auch das Gebäude mit beiträgt, denn auf kosmetische Eingriffe wurde fast völlig verzichtet. Es herrscht eine Ästhetik der Improvisation und des Selbstgemachten. Stühle und Tische etwa wurden aus unterschiedlichen Garnituren zusammengestellt. Zum Glück besitzt die Halle aber eine gute Heizung und scheint fit für den Winter zu sein.

Mir persönlich gefällt es hier besser als in Smíchov, auch wenn das Konzept eigentlich fast identisch ist. Dieser Raum hier ist viel ruhiger und bei weitem nicht so überlaufen wie sein Pendant auf der anderen Seite der Stadt. Er erinnert in der Gestaltung vielleicht ein wenig an das Studio Alta.

 

Eingang zum Vnitroblok

Der etwas unauffällige Eingang

Adresse

Tusarova 31, Prag – Holešovice

Haltestelle

Tusarova

Öffnungszeiten

Montag bis Freitag, 11-22 Uhr
Samstag, Sonntag, 11-19 Uhr

Audio-Tour

Das Industrieerbe in Holešovice bildet ein durchgehendes Thema in meiner Audio-Tour.

Christoph Amthor

Erster länger Aufenthalt in Tschechien in 1997. Seitdem zumeist wohnhaft in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger.

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