Tschechien – Ungarn: 1:0 im Speisewagentest

Tschechische Eurocitys können einen immer wieder überraschen: Zuweilen sitze man verloren im nahezu leeren Zug, und umgekehrt kann es passieren, dass man sich durch volle Gänge zwängt und kein freies Abteil findet. Soll man also eine Reservierung kaufen, die man dann vielleicht gar nicht gebraucht hätte, oder statt dessen riskieren, die Fahrt auf dem Gang zu verbringen? Doch es gibt noch eine weitere Lösung, nämlich den Sitzplatz durch die Hintertür, oder besser gesagt: die Speisewagentür.

Viele Reisende verbinden mit Speisewagen ein schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis: vorgefertigte Kantinenkost zu überzogenen Preisen. Das ist aber nicht überall so, und für eine Investition, die geringer sein kann als die 83 Kč für die Reservierung bei den Tschechischen Bahnen, bekommt man nicht nur einen Sitzplatz, sondern auch etwas zu essen und trinken, und das alles mit Bedienung am Platz. Dabei kann man sich spontan entscheiden, sobald der Zug in den Bahnhof rollt und sich die Lage im Innern einschätzen lässt, ohne sich im voraus festlegen zu müssen.

Auf meinen Fahrten treffe ich zumeist auf tschechische und ungarische Speisewagen. Beide erfüllen ihren Zweck als Platzkartenersatz. Aber sind sie dennoch vergleichbar? Ein Testbesuch verrät mehr.

 

Zu Gast bei den Ungarn

Ungarischer Speisewagen

Das Flair vom Orient-Express, nach seiner Verstaatlichung.

Der Wagen der ungarischen Staatsbahn MÁV wirkte wie ein altmodisches Wohnzimmer und fast schon etwas plüschig, mit einem Hauch von Nostalgie und Luxus. Einem Piktogramm zufolge gilt hier ein Laptopverbot – vielleicht deswegen, weil Laptopbenutzer gewöhnlich mehr Platz einnehmen, lange bleiben und wenig konsumieren. Der Raum war jedoch ohnehin fast leer.

Der ungarische Kellner, der mich bald in den Tiefen des Raumes ausgemacht hatte, erwies sich als formal höflich und versiert, wirkte aber nicht wirklich offen oder gar herzlich, sondern eher ein wenig verstimmt.

Die gewünschte Palatschinke1 gab es leider nicht. Vielleicht war der Herd ausgefallen oder die Zutaten fehlten. Also wählte ich den ersatzweise empfohlenen „Brownie“.

Der Kuchen wurde hübsch dekoriert serviert und erwies sich als geschmacklich passabel. Es handelte sich um einen weichen, luftigen Schokoladenkuchen, der – wohl als symbolische Entschädigung für die entgangene heiße Palatschinke – angewärmt serviert wurde.

Ein wenig trüber sah es da beim Kaffee aus: Der war so dünn, dass man fast auf den Boden der Tasse hindurch blicken konnte. Mit viel Milch gelang es mir, überhaupt etwas Substanz in die Tasse zu schaffen.

 

Zu Gast bei den Tschechen

tschechischer Speisewagen

Hier kommen zwar keine nostalgischen Sentimente auf, aber der Betrieb scheint zu laufen.

Im Wagen des tschechischen Betreibers JLV  hatte ich bereits früher einmal ein Mittagessen gehabt, diesmal sollte es aber ein Dessert sein, um beide Anbieter besser vergleichen zu können.

Der Raum wirkte völlig anders als bei den ungarischen Kollegen: modern, hell und sachlich. Auch hier war alles sauber und gut in Schuss gehalten. Im Unterschied zum ungarischen Wagen herrschte hier jedoch kein Mangel an Gästen. Die Kellnerin hatte pausenlos zu tun, schien aber die Belastung gut zu meistern. Ich kann nicht sagen, dass sie permanent gelächelt hätte, aber doch hin und wieder. Auf die Frage einiger Gäste über die Fahrtroute hin reagierte sie einmal etwas gereizt, fing sich aber sofort wieder und war dann hilfsbereit und freundlich.

Der Latte Macchiato kam mit dem verpackten Standard-Keks, den man in vielen Cafés bekommt, und war wirklich gut. Die Nougat-Palatschinke war zwar nicht sehr groß, aber schmeckte ebenfalls so, wie man ihn in einem Prager Café erwarten würde.

 

Die Preise

Die Preise einiger Speisewagengesellschaften variieren zum Teil je nach Streckenabschnitt. Auf der Fahrt durch Deutschland sind die Preise im tschechischen und im ungarischen Restaurant in etwa vergleichbar – siehe die Speisekarten von JLV und MÁV (Berlin – Hamburg). Der Unterschied verschiebt sich aber zugunsten des tschechischen Speisewagens, wenn man in bestimmten Zeiträumen bestellt, die in etwa den Fahrtabschnitten durch Tschechien entsprechen.2 Es gilt nämlich dann die „Happy Hour“. Hier ist JLV erheblich günstiger. Zudem lassen sich Menüs mit Getränken kombinieren.

Bei dem ungarischen Speisewagen war von Happy Hour nicht viel zu merken. Weder auf der Speisekarte, noch auf dem Gesicht des Kellners.

 

Fazit

Für mich hat der tschechische Speisewagen diese Runde für sich entschieden. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ließ da keine Zweifel aufkommen. Beim Service punktete ebenfalls die tschechische Kollegin, die trotz der starken Belastung immer noch lockerer und freundlicher wirkte als der ungarische Kellner.

Natürlich wäre es besser gewesen, die gleichen Speisen zu vergleichen, aber der kleinste gemeinsame Nenner der ungarischen und der böhmischen Küche sind nun einmal k.u.k-Palatschinken, und gerade da enthüllte die ungarische Bordküche leider ihre Achillesferse.

Für einen eingehenderen Test müsste dann natürlich eine Hauptspeise bestellt werden. Ich kann mir nicht anders vorstellen, als dass der ungarische Koch bei der Komposition eines echten Pörkölt zu seiner wahren Höchstform auflaufen und dass der Kellner dann beim Servieren desselben seine verborgenen Charmereserven freisetzen würde. Aber das bleibt hier zunächst der Spekulation überlassen.

 

Zeige 2 Fußnoten

  1. alias Omelette, Pfannkuchen, Eierkuchen, Crêpe, …
  2. Offenbar ist die planmäßige Zeit entscheidend, nicht die tatsächliche Überquerung der Grenzen.

Christoph Amthor

Erster länger Aufenthalt in Tschechien in 1997. Seitdem zumeist wohnhaft in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger.

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