Seine Exzellenz im Käfig: Das Diplomatische Viertel in Prag

Haus in Prags Stadtteil Troja

Haus in Prags Stadtteil Troja

Im nördlichen Prag, hinter dem Park Stromovka (Baumgarten) und jenseits der Moldau, befindet sich Troja. Dieser Stadtteil ist bekannt für sein barockes Schloss und den Zoo. Durch die Nähe zum Fluss sind die niedrig gelegenen Ortsteile natürlich sehr hochwassergefährdet und haben schon so manchen Schaden erlitten. An einigen Stellen empfinde ich die Atmosphäre in Troja als ausgesprochen südländisch – Weinberge, enge Gassen, geduckte, weiße Häuschen, Pawlatschen.

Wenn man über die Moldau von der Insel „Císařský Ostrov“ kommt, sieht man rechts hinter dem Deich einen Gebäudekomplex, der aus der Ferne einer Fabrik, einer Lagerhalle, oder vielleicht einem Einkaufszentrum ähnelt. Näher kommend wird einem jedoch bewusst, dass es sich um einen Block größtenteils verlassener Gebäude handelt, in dem eine kleine Universität Platz fände. Dieser Komplex trägt den Namen Diplomatická čtvrt, also Diplomatisches Viertel.

Diplomatisches Viertel in Prag (Troja)

Der Bau wurde 1988 begonnen und drei Jahre später beendet – überlappend mit der Samtenen Revolution – und ragt somit zeitlich in eine neue Ära hinein. Auch wenn die Dimensionen nicht an andere große Bauwerke heranzureichen mögen, so schien der Architekt doch bewusst den Eindruck der Massivität hervorrufen zu wollen, der sich vor allem dann einstellt, wenn man durch die Schluchten auf den Gebäuderückseiten geht. Mich erinnert es an die typisch kahlen Rückseiten von Einkaufszentren – mit einer komischen Analogie zwischen diesen zwei Objekten, die beide aus einem totalitären Selbstverständnis herrühren.

Der Zustand der Gebäude ist teilweise etwas vernachlässigt, obwohl seit meinem letzten Besuch durchaus Reparaturen durchgeführt worden zu sein schienen. Hier und da werden die Räume offenbar genutzt: Man sieht Vorhänge, persönliche Gegenstände, parkende Autos. Eine Firma hat oberhalb der weiten Freitreppe ihren Showroom eingerichtet, an einer Seite gibt es eine Post, und die Beete werden gepflegt. Der Gesamtkomplex wirkt wie eine gigantische, geometrische Fingerübung, ein wenig gespenstisch, wie eilends evakuiert, und die Wohnungen wurden vermutlich für Menschen vorgesehen, die ihre Heizkosten nicht aus eigener Tasche bezahlen.

Das "Hotel Intercontinental" in Prag

Hotel Intercontinental

Dieser Gebäudekomplex wurde für ausländische Diplomaten gebaut. Der Architekt ist Jan Bočan – Mitautor des nun renovierten unteren Teils des Prager Hauptbahnhofs mit seinem unverkennbaren 70er-Jahre Stil und des Hotels Intercontinental, das den spröden Charme einer Plattenbausiedlung versprüht. Es ist anzunehmen, dass Bočan mit dem Diplomatischen Viertel den Rahmen für eine Art Campus-Atmosphäre schaffen wollte, einer Oase gehobenen Standards, wo die Gesandten der verschiedensten Länder zusammen leben und arbeiten würden.

Der Prager Hauptbahnhof, vor der Renovierung

Der Prager Hauptbahnhof, vor der Renovierung

Die weite Öffnung zum Fluss hin – nun begrenzt durch einen Deich – und die Treppe auf den gepflasterten Hof hinab erinnern mich an typische moderne Unis aus den Zeiten, als Beton noch unverhüllt die Ästhetik der Bauwerke bestimmte.

Auf der einen Seite das steingewordene Ideal, verschiedene Kulturen in einer friedlichen, wenn auch künstlichen Welt zusammenzubringen. Auf der anderen Seite ein totalitärer Monumentalismus mit einem morbiden Touch.

Besonders drollig wirken die großen, weißen Käfige, die die Balkons von der Außenwelt abschließen. Der offenkundige Versuch, luxuriöse Wintergärten zu schaffen, ist in einer tragisch-komischen Weise gescheitert und resultierte in öffentlich präsentierten Gefängniszellen. Wenn man die Ähnlichkeit mit Volieren bedenkt, fällt einem sogleich die Nähe zum Prager Zoo auf. Ein Zufall?

Von Bekannten aus dem Umfeld von Botschaften habe ich Gerüchte gehört, dass die Räume hoffnungslos verwanzt gewesen sein sollen. Welche Gründe jedoch ausschlaggebend waren, ist mir nicht bekannt. Auf jeden Fall wurde die Idee des Diplomatischen Viertels schließlich zu Grabe getragen und die Immobilie verkauft – in einer Ausschreibung mit einem einzigen Bieter, der natürlich nicht mehr als den geforderten Mindestpreis zahlte.

 

Das Diplomatische Viertel ist übrigens auch gut erreichbar, wenn man zu Fuß oder per Rad auf der rechten Moldauseite flussabwärts geht. Ein Stück hinter dem hölzernen Pferd (eben dem „Trojanischen Pferd“) biegt man rechts ab, vom Fluss weg über den Deich. Der Weg ist zumeist sehr schön, mit Ausnahme eines Stücks an der Straße entlang und unter viel befahrenen Straßen hindurch.

 

Fotos: Autor und Wikimedia (Bahnhof und Hotel)

Eine ältere Fassung des Textes ist zuerst auf Englisch hier erschienen.

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Christoph Amthor

Erster länger Aufenthalt in Tschechien 1997/98, dann wieder seit 2003, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger.

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