Ein rostiges Dystopia und ein Café in schwindelnder Höhe

Die erste Tageshälfte meines Besuchs in Ostrava hatte ich im Bergbaumuseum Landek verbracht. Mit der Straßenbahn fuhr ich nun in Richtung Süden quer durch das Zentrum zu einem Gebiet, das den Namen „Dolní oblast Vítkovice“1 trägt. Das Areal steht als Industrieerbe seit 2002 unter Denkmalschutz.

Das Eisenwerk hatte unter dem Namen „Rudolfshütte“ im Jahr 1830 den Betrieb aufgenommen.2 Ein Jahr darauf kam eine Kokerei hinzu, und ab 1836 der erste Hochofen. Im Jahr 1852 wurde auf dem Gelände die Grube Hlubina eröffnet.

Das Werk war dann rund 150 Jahre lang in Betrieb. Von den sechs Hochöfen wurde der letzte schließlich im Jahr 1998 geschlossen.

Ostrava - 47

Nach Stilllegung der Grube „Hlubina“3 und des Eisenwerkes besaß die Stadt somit eine große verfallende Industrieanlage mitten im Stadtgebiet. Sicherlich hätte man sie abreißen und die Fläche anders nutzen können, allerdings ist Ostrava vielleicht nicht der Ort, der neue Investoren anzieht, und über kurz oder lang hätte man wohl doch nur die historisch gewachsenen durch eine neuere und gesichtslose Ruine ersetzt.

Die Alternative bestand darin, die Anlagen zu revitalisieren, also entweder zu renovieren und ihre erneute Nutzung zu ermöglichen, oder zumindest als begehbares Museum zu bewahren. Im Jahr 2009 begann man damit – mit Mitteln aus der EU und dem Staatshaushalt – schrittweise einige Gebäude aus- und umzubauen.

 

Der Hradschin Ostravas – eine Ruine aus rostigem Stahl

Obwohl fast alle renovierten und attraktiveren Gebäude bei der Haltestelle „Vítkovice vys. pece“ zu finden sind, empfehle ich doch, eine Station früher, nämlich bei „Důl Hlubina“ auszusteigen. Durch eine Straßenunterführung gelangt man auf die Seite des Industrieareals. Hier befindet sich zunächst Provoz Hlubina, ein Gebäude, in dem sich Räume für gemeinnützige Aktivitäten befinden.
Ostrava - Graffiti an der Důl Hlubina

Die Unterführung nach der Station „Důl Hlubina“, in der ein paar aufwändige Graffitis zu finden sind.

Von hier aus führt, neben der ehemaligen Direktorenvilla, ein Fußweg mitten durch die rostbraunen Stahlruinen: Vorbei am Förderturm der Grube, über einen Steg an Schornsteinen vorbei und mitten in die riesenhaften Blöcke aus Trägern, Rohren, Behältern, Treppchen hinein und später zwischen den Hochöfen Nummer 4 und 6 hindurch.

Der Anblick ist wirklich beeindruckend. Es ist nicht nur die bloße Größe und Massivität der Anlagen, die sich nur schwer auf Fotos festhalten lässt, sondern auch die Menge an rostbraunen, oftmals zerfallenden Einrichtungen von erstaunlicher Komplexität und Fülle, die einmal wie eine eigene Maschinenstadt funktioniert hatten, als ein immenses Energiezentrum, und die nun jedoch erstarrt sind und allmählich korridieren. Diese Riesenanlage wirkt nun wie ein groteskes, unfreiwilliges Kunstwerk.

Das Gelände böte sicher eine erstklassige Kulisse für einen dystopischen Science-Fiction-Film. An allen Ecken und Enden eröffnen sich neue Blickwinkel, hinter Durchgängen werden riesenhafte Behälter sichtbar, die hoch oben von gigantischen Rohren verbunden werden. Es verwundert nicht, dass die Anlage schon zur Zeit der Ersten Republik scherzhaft „Der Hradschin Ostravas“ genannt wurde.

Am anderen Ende finden sich dann zur Rechten in einem ehemaligen Gasbehälter die Veranstaltungshalle GONG und zur Linken die Kleine und dahinter die Große Technikwelt, einem Museum mit didaktischer Ausrichtung. Wenn man nun um das Gasometer herum geht, sieht man hinter zwei Eisenbahnwagen den „Förderturm Nr. 1“.

Pfannen- und Torpedowagen in Ostrava

Pfannen- und Torpedowagen für den Transport von Flüssigmetall

 

Sonnenuntergang auf dem „Hochofen Nr. 1“

Hochofen in Ostrava mit Bolt Tower Café

Der Hochofen Nr. 1 mit Café und Aufstieg zur Spitze. Zu mir hin ist auf der Schrägen eine Art Aufzug zu sehen, den ich allerdings nicht benutzen konnte.

Ostrava - Hochofen im Sonnenuntergang

Welch eine Kombination: der Untergang der Sonne, von einem erloschenen Hochofen aus erlebt!

Einer der Höhepunkte des Geländes bildet der „Hochofen Nr. 1“. Aus einem Gewirr aus Kesseln, Rohren und Plattformen steigt ein Turm mit gläserner Spitze empor, um den sich hoch oben Freiluftstege ranken. Umschlossen von den Stegen befindet sich das Bolt Tower Café.

Hinauf kommt man nur mit einer Eintrittskarte, die man im Informationszentrum erhält. Dieses befindet sich im südwestlichen Eck des Geländes, wo die vom Gaskessel kommende Straße auf die Hauptverkehrsstraße trifft. In den 200 Kronen ist ein Gutschein für das Café enthalten.

Auf den eigentlichen Turm kommt man nicht ohne Begleitung. Selbst wenn man an keiner Führung teilnimmt, muss man von oben abgeholt werden oder von einem Angestellten des Informationszentrums im Aufzug hinauf gebracht werden.

Oben in rund 70 Metern Höhe wurde ich dann allein gelassen und durfte auf den befestigten Stegen umher gehen, allerdings von hier aus nicht hinab, sondern nur hinauf. Der Blick ist wirklich atemberaubend. Eine ungewohnte Erfahrung war für mich, in dieser Höhe einfach so im Freien zu stehen. Natürlich sind alle Wege mit Geländer versehen und wirken absolut sicher. Es bestehen auch nie Zweifel, wo man gehen darf und wo nicht.

Bei stärkeren Windböen hatte ich zuweilen das Gefühl, dass die mit gelbem Geländer markierten Stege leicht schwankten. Ein paar ironische Schilder mit dem Titel „Hinweis“ verboten den Zutritt selbst dort, wo hinter ihnen einfach nur Leere war.

Offenbar befand ich mich „auf Augenhöhe“ mit den Schornsteinen. Ich hatte mich oft gefragt gehabt, wie es dort oben sein musste. Jetzt weiß ich es.

Zutritt verboten in 70 m Höhe

Hinweis in 70 m Höhe: „Zutritt verboten“. Wer hätte das gedacht?

Die Mitte des Turmes wird im oberen Bereich von dem Bolt Tower Café eingenommen. Dieses Café ist etwas anderes als die üblichen Lokale mit Aussicht in Fernsehtürmen oder auf Berggipfeln. Es ist relativ klein und wirkt ein wenig wie in einen Leuchtturm eingepasst. Selbst die Toiletten haben dieses gerundete Stahl-Design.

Wer nur zum Café will, muss übrigens nicht die Stege mit Ausblick absolvieren. Die gläserne Spitze hat nämlich einen weiteren Aufzug in seinem stählernen Kern, in den man direkt umsteigen kann.

Zunächst wollte ich aber den Rest des Weges ganz hinauf gehen. Die Gitterrost-Stege winden sich dabei gegen den Uhrzeigersinn hinauf, indem sie kreuz und quer wie ein Zollstock um einen Zylinder herum gelegt wurden. Das heißt, dass sie an den Ecken immer ein Stück hinaus ragen. Wenn man im schnellen Schritt nicht genau hinsieht, nimmt das (vor allem kurzsichtige) Auge irgendwann nicht einmal mehr die Gitter wahr, und hin und wieder geschieht es, dass man für den Bruchteil einer Sekunde nicht weiß, ob da nun ein Boden ist oder nicht.

 

Während ich hinauf ging, hatte ich den Verdacht, mir gerade den Stoff für die realistischen Alpträume der nächsten Jahre zu beschaffen. Wie ich später nachlas, wird dieser Steg „Adrenalinrundweg“ genannt. Dieser Name ist nicht ganz aus der Luft gegriffen.

 

Der Rückweg war etwas kürzer. Unterwegs bin ich nämlich im Café hängen geblieben.

 

Das Bolt Tower Cafe in Ostrava

Für das Café hatte ich die perfekte Zeit erwischt: den Sonnenuntergang. Der Blick auf die dunkelnde Stadt mit dem Gefühl, hoch oben in einer Kapsel auf diesem irren Turm aus Stahl zu sitzen, ist einmalig. Den Weg auf dem Freisteg sollte man allerdings noch bei Tageslicht unternehmen.

Für den Rückweg muss man sich dann eine Kellnerin oder einen Kellner ausleihen, da man sonst nicht im Aufzug hinab und dann hinaus kommt.

 

Wieder festen Boden unter den Füßen

Unten angekommen hatte ich ein wenig das Gefühl, von einer Schiffsreise zurück auf dem Festland angekommen zu sein. Das heißt nicht, dass oben der Grund fortwährend geschwankt hätte, aber doch war es mir vorgekommen, wie auf einer Reise in einer der Maschinen von Jules Verne.4

Auf dem Rückweg durch das abendliche Zentrum habe ich dann noch im HOGOFOGO Bistro haltgemacht, da ich nicht so lange im Bahnhof warten wollte. Essen, Ambiente und Bedienung waren ausgezeichnet.

Zeige 4 Fußnoten

  1. übersetzt also etwa „niedriges Gebiet Witkowitze“, wobei „doly“ – von důl – auch „Gruben“ oder „Bergwerke“ heißt.
  2. interessanterweise auf Anregung des Olmützer Erzbischofs Rudolf – offenbar ein Vertreter nicht nur irdischer und überirdischer, sondern auch unterirdischer Angelegenheiten
  3. wörtlich „Tiefe“, aber hier ein Eigenname
  4. Jules Verne ist nicht zufällig auch ein Thema in der „Technikwelt“.

Christoph Amthor

Erster länger Aufenthalt in Tschechien in 1997. Seitdem zumeist wohnhaft in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger.

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2 Antworten

  1. Roland Lippmann sagt:

    Hallo Hr. Amthor,
    die Reisebeschreibung ist echt Klasse gemacht und enthält alle wichtigen Details, die man vor Ort braucht.
    Auch die Eindrücke sind lebensecht beschrieben, sodass man sich gleich in die Lage vor Ort versetzt fühlt.
    Das macht neugierig nach mehr und wir nehmen das Turmcafe schon mal in unsere zukünftige Planung auf.
    Vielen Dank für Ihre wertvollen Ausführungen.
    R. Lippmann

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