Das Community-Bikesharing „Rekola“ im Test

Nach gut zwei Saisonen, während derer ich bereits dabei bin, versuche ich hier einmal, meine Erfahrungen mit Rekola zusammenzufassen. Es handelt sich dabei um ein tschechisches Bikesharing, das preislich sehr günstig ist. Der Community-Charakter kommt besonders darin zum Vorschein, dass es auf dem gegenseitigen Vertrauen der Mitglieder basiert. Es wäre nur allzu leicht, das System zu hintergehen. Allerdings wäre der Gewinn auch fraglich.

Rekola logoDie Räder sind rosa gestrichen – zur besseren Erkennbarkeit und um einen Diebstahl unattraktiv zu machen. Ihr Standort sowie ein paar grundlegende Ausstattungsmerkmale lassen sich auf einer Karte online verfolgen, oder noch einfacher in der mobilen App von Rekola. Wer kein Smartphone hat, kann Rekola auch per SMS benutzen.

Mitglieder zahlen per Saison, die jeweils bis Ende November dauert. Das kostet momentan 300 Kč, neuerdings ist aber auch eine Monats-Variante für 150 Kč erhältlich. Dafür erhält man die Möglichkeit, sich beliebig oft eines der Fahrräder für eine Dauer von maximal 3 Stunden auszuleihen. Wer sich den Preis nicht leisten kann, darf sich die Mitgliedschaft in der Werkstatt erarbeiten.

Das Fahrradarsenal besteht zumeist aus gespendeten Rädern, und dementsprechend simpel ist auch ihre technische Ausstattung. Die meisten sind mit Rücktrittbremse ausgestattet und verfügen über keine Gangschaltung. Die Räder werden allerdings vor der Inbetriebnahme generalüberholt, so dass sie zumindest verkehrstüchtig sind.

Und so funktioniert das Ausleihen: Auf jedem Rahmen ist eine Nummer vermerkt, die man über seinen Account eingibt und über die man dann den Code des Nummernschlosses bekommt. Das war’s, nun kann man losfahren. Die Nummern der Schlösser werden natürlich hin und wieder geändert.

Wenn man fertig ist, schließt man das Rad an geeigneter Stelle fest und gibt auf der App oder per Web den Standort ein. Die Räder sollen dabei grundsätzlich in den festgelegten Zonen der Stadt bleiben, oder zumindest spätestens nach 24 Stunden dorthin zurückgebracht werden.

Finanzielle Geburtshilfe

Angefangen hatte es vor zwei Jahren mit einer Crowdfunding-Kampagne der Brüder Vítek und Filip Ježek. Heute gibt es die rosa Räder bereits in fünf tschechischen Städten: in Prag (Praha), Brünn (Brno), Olmütz (Olomouc), Pardubitz (Pardubice) und Königgrätz (Hradec Králové). So kann man per Bahn verreisen und auf dem Weg zum und vom Bahnhof das Rad benutzen, ohne es im Zug mitnehmen zu müssen.

 

 

Meine Erfahrungen

Als Vorteile habe ich besonders zu schätzen gelernt:

  • Ich kann das Rad fast überall im Stadtgebiet stehen lassen und dann etwa mit Bus oder Bahn heimfahren, ohne mir – wie bei meinem eigenen Rad – Sorge um seine Sicherheit machen zu müssen.
  • Im Gegensatz zu anderen Anbietern gibt es keine festen Stationen und ich kann das Rad überall dort abstellen, wo es erlaubt ist.
  • Ich muss das Rad nicht in den Keller oder auf meinen Balkon hinauf tragen. Abends vor der Haustür abgestellt ist es zumeist am Morgen noch da. Und wenn nicht, dann nehme ich eben ein anderes.
  • Ich habe in diesem Jahr noch kein Rad erlebt, das schwerwiegende Mängel oder auch nur einen Platten hatte. Das mobile Instandhaltungsteam leistet hervorragende Arbeit. Dazu trägt sicher auch bei, dass Probleme über die App gemeldet werden können.
Rekola Prag Fahrrad

Das Fahrrad „Sobík“ – es wirkt auf dem Foto noch größer als es wirklich war.

Um nun zu den Nachteilen:

  • Die Größe der Räder entspricht oft nicht meinen Bedürfnissen. Das gilt insbesondere für die Tretroller, die seit einiger Zeit auch mit im Angebot sind und deren Lenkerhöhe sich weit unter meinem Schwerpunkt befindet. Das Problem schienen auch andere Benutzer gehabt zu haben, da die Forderungen immer lauter wurden, auf der Karte die Roller kenntlich zu machen. Das ist nun mit der letzten Version eingeführt worden, und ich sehe nun sofort, um was es sich handelt.
  • Der Fahrer muss sich nach Einbruch der Dunkelheit selbst um die aktive und passive Beleuchtung kümmern. Teilweise sind die Räder mit Reflektoren ausgestattet, aber das war es dann auch schon. Natürlich wäre es denkbar, sein Vorder- und Rücklicht immer in der Tasche mitzuführen. Aber für den gelegentlichen Gebrauch habe ich mich noch nicht dazu durchringen können.
  • Gerade bei ungewohnten Lenkerformen, schwer erreichbaren Bremshebeln oder unpraktischen Sitzhöhen sitze ich oft etwas unsicher im Sattel und es fällt mir gerade im Prager Straßenverkehr besonders schwer, mich sicher zu fühlen. In dieser Beziehung geht doch nichts über das eigene Fahrrad.
  • Natürlich sind dann, wenn man nun dringend ein Fahrrad bräuchte, nicht immer welche in der Nähe.

Nach meiner Erfahrung eignen sich die Räder gut dazu, um schnell ein paar Straßen weiter zu fahren, etwa zur Post oder einkaufen. Mein einziger Langzeittest führte mich von der Brücke Libeňský most am rechten Moldauufer entlang bis nach Troja, und dann durch den Stromovka-Park bis an die nächste Haltestelle, wo ich dann genug hatte und das Rad zurückgab. Diese Tour ist dank der asphaltierten Wege selbst mit nicht ganz optimalem Gefährt gut zu schaffen. Für längere Ausflüge würde ich mir aber wohl ein besseres Rad besorgen.

Alternativen

Rekola ist nicht das einzige Bikesharing und nicht der einzige Fahrradverleih in Prag. Ein weiteres Bikesharing gibt es im Prager Stadtteil Karlín, aber eben beschränkt auf dieses Viertel und mit festen Stationen. Daneben kann man auch Fahrräder von diversen anderen Anbietern ausleihen, aber durchaus für 400 oder mehr Kronen pro Tag.

 

Korrektur: Später habe ich ein Fahrrad erlebt, das vorne und hinten Lichter hatte, die bei Dunkelheit automatisch zu blitzen anfingen.

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  • Christoph Amthor

    Erster länger Aufenthalt in Tschechien im Jahr 1997. Seit 2003 wohnhaft zumeist in Prag, mit Abstecher in die Slowakei. Journalist, dann Mitbegründer einer gemeinnützigen Organisation, Blogger, Software-Entwickler.

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